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THEMA: 1. Mai
ORT: Berlin
ZEIT: 1. Mai 1987 - 1992
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv / 4157 \

Wie es anfing: der 1. Mai 1987 in Kreuzberg

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn die Polizeirazzia im »Volkszählungsboykottbüro« des Mehringhofs nicht ausgerechnet auf den 1. Mai gelegt worden wäre; wenn die bevorstehende 750 Jahr-Feier Berlins nicht ganz so pömpös angelegt worden wäre und vielleicht auch dann, wenn die Polizei sich dem traditionellen Kreuzberger 1. Mai-Fest gegenüber etwas respektvoller verhalten hätte – als am Nachmittag des 1. Mai 1987 einige Autonome einen leeren Streifenwagen umkippten, versuchten Polizeiketten den Lausitzer Platz abzusperren und mischten das ganze Fest mit Tränengas auf. Die ersten Kreuzberger 1. Mai-Krawalle nahmen ihren Lauf... (siehe: Fotogalerie von Mike Hughes untenstehend)

Am 1. Mai 1987 bestimmte die spontane militante Revolte das Bild, überforderte Polizeieinheiten, die ganze Straßenabschnitte über Stunden aufgeben mußten; ein abgebrannter Bolle-Supermarkt und - für manch eine/n unfassbar - eine durchaus nicht abgeneigte Anteilnahme vieler Kreuzberger Anwohner_Innen. Ein Jahr später startete zum ersten Mal die "revolutionäre 1. Mai Demonstration" mit 6.000 Teilnehmer_innen vom Oranienplatz. Die Demo selbst verlief friedlich, nach dem Straßenfest auf dem Lausitzer Platz gab es in der Nacht erneut Randale. Dieses Mal hagelte es Kritik, daß nicht autonome Gruppen, sondern Kids, Betrunkene und Touristen die Randale bestimmten und entsprechend von der neu eingerichteten Sondereinheit EbLT niedergemacht worden seien.
Obwohl die Bilder der militanten Straßenkämpfe die ersten Jahre des autonomen 1. Mai in Berlin prägten, wollte mensch sich auch auf anderen Feldern vom Staat nicht vorschreiben lassen, wie und wo Kämpfe sowie Feste stattfinden: Als die ständigen militanten Scharmützel im Görlitzer Park für die Ordnungsbehörden zunehmend lästig wurden und diese am 1. Mai '90 mit einem Versammlungsverbot im Park reagierten, organisierten Autonome ein überraschendes Open-Air-Konzert auf dem Görli. Innerhalb weniger Minuten wurden – trotz Absperrungen – drei Anhänger mit einer versteckten Musikanlage auf den Görlitzer Park gefahren, tausende Menschen strömten hinzu und das Fest war durchgesetzt. Einige Eindrücke dieses Open-Air-Erlebnisses der anderen Art seht ihr in unserer zweiten Fotogalerie mit Bildern vom 1. Mai 1987 bis 1. Mai 1992. Die Bilder stammen aus einer mittlerweile vergriffenen Broschüre zum 1. Mai. Erneut zusammengestellt hatten wir sie anläßlich einer Ausstellung über die Anfänge der Häuserkämpfe und Protestbewegung in Kreuzberg, die unter dem Titel "Geschichte wird gemacht" im Kreuzberg Museum zu sehen ist.

Last but not least möchten wir euch auf die weiter unten stehende Geschichte aufmerksam machen, die uns Knofo (Mitbegründer der Bewegung 2. Juni) und ETA (Ex-Totengräber, Archivar im Havemann-Institut) als Geleitwort für diesen fotografischen Rückblick vermachte. Der Text entstand kurz nach dem 1. Mai 1987.


Seit über 25 Jahren sorgt der 1. Mai in Berlin für Wirbel, Diskussion und Auseinandersetzungen. Trotz aller Streitereien untereinander – am 1. Mai sind alle auf der Strasse. Polizeipräsidenten und Innensenatoren gehen - der 1. Mai bleibt.


 

1. Mai 1987
in Kreuzberg

Fotos: Mike Hughes

weitere 27 Fotos :
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Mike Hughes, der Umbruch vor kurzem diese Fotos vom Kreuzberger 1. Mai 87 zur Verfügung stellte, war damals Fotograf des Kreuzberger "Südost Express". Er kam zum Lausitzer Platz, als die ersten Gasgatuschen über den Platz flogen und Standbesitzer hektisch versuchten, ihre Kisten in Sicherheit zu bringen. Seine zum Teil bisher unveröffentlichten Fotos wollen wir euch nicht vorenthalten.

 



Der 1. Mai 1987 bis 1992Fotos: Umbruch Bildarchiv
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Der 1. Mai 1987 in Kreuzberg
Der Verteilerkasten oder b quadrat + Wurzel aus m quadrat = Z hoch G


„Wer nicht 100 Prozent auf Draht ist, fällt eines Tages einer ganz dummen Teufelei zum Opfer.“
(aus: NSU-Max, richtig angefasst, von Ernst Leverkus, Stuttgart, 1959)


Falkenstein zählt mühelos den Rest seiner Sozialhilfe und legt sich aufs Bett. Er gönnt sich nachmittags öfter ein Nickerchen, seit sein Versuch gescheitert ist, als selbständiger Jungunternehmer ein Versicherungsgeschäft für abgefahrene Autotüren zu betreiben. Er schläft ein und träumt, er liege in der Sonne hinter einer Bananenstaude, vor der ein Nashorn tanzt. Von ferne naht der Lärm eines Gemetzels aus den Bauernkriegen. Falckenstein wälzt sich unruhig hin und her, will aufwachen, schläft aber augenblicklich wieder ein. Er hört es krachen, splittern, schreien. Flackernde blaue Lichter in dicht aufsteigendem Nebel, der schweflig schmeckt und in den Augen brennt. Hustend kommt Falckenstein zu sich, springt auf und schlägt das Fenster zu. Auf dem Lausitzer Platz vor seinem Haus ist die Hölle los. Das Straßenfest ist ein einziger Bereich polizeilicher Maßnahmen geworden: Festbesucher werden gejagt und zusammengeknüppelt. Stände und Bänke über den Haufen gefahren. Der Gestank des Reizgases überzeugt ihn, dass es sich nicht um eine optische Täuschung handeln kann. Die Luft im Treppenhaus ist noch beißender. Er bindet ein Halstuch vor die Nase, bahnt sich einen Weg durch die ihm entgegen flüchtende Menge und rennt an den kreuz und quer jagenden Wannen vorbei in eine Nebenstraße. Als er stehen bleibt, um Luft zu holen, spürt er, wie ihm jemand eine Gerüststange in die Hand schiebt. Ein ausgeschlachtetes Autowrack steht quer auf der Fahrbahn. „Wird abgeholt“, liest Falckenstein auf einem Pappschild und reicht gedankenlos die Stange weiter. Augenblicke später steht eine Barrikade. Mein lieber Kokoschinsky, denkt er, und will einen Doppelten zur Beruhigung.

Waldemars Hamster fällt aus dem Fenster. Nicht ohne Eleganz federt er auf der Markise des türkischen Gemüsehändlers ab, dreht sich zweimal in der Luft und landet in den Pfirsichen. Waldemar verfolgt den Flug des Hamsters ohne Panik. Als letzterer die Aprikosen verläßt, um das Weite zu suchen, erhebt sich Waldemar von seinem Platz. Der Hamster war nicht das erste Mal aus dem Fenster gefallen.

Gleich nach dem Verlassen der Wohnung begegnet Waldemar der Portierschen, die ihn in ein längeres Gespräch über das tragische Ableben Hans Rosenthals verwickelt. „Und niemand hat gewusst, dass der Jude is.“ Eine halbe Treppe tiefer verstellt ihm sein griechischer Nachbar den Weg und versucht ihm in recht erregtem Zustand Ungeheuerlichkeiten zu erklären, die sich heutzutage in Kreuzberg ereignen. Als Waldemar endlich auf die Straße tritt, ist die nicht wiederzuerkennen. Auf Gehwegen und Fahrbahnen ballen sich die Leute in großen Haufen. Überall liegen Pflastersteine und Bierflaschen und umgekippte Bauwagen und alles mögliche. In Richtung Lausitzer Platz lalüt es pausenlos. Es ist noch heller Tag, es ist unglaublich, und es riecht tränentreibend brenzlig in der Luft. Das Straßenfest ist diesmal aber Fix zuende, konstatiert Waldemar, der seit 1941 in der Wiener Straße gegenüber der Feuchten Welle wohnt. Er holt sich Helm und Spazierstock und macht sich auf die Suche nach seinem Haustier.

Die nächste Kneipe hat geschlossen. Im Fenster hängt ein Filmplakat mit Leninkonterfei: 24 Uhr - Die Erhebung. Falckenstein hört das prasselnde klong-klong-klong eines Steinhagels, der auf vorbeirasende Wannen abgefeuert wird. Ein paar Häuser weiter hat Falckenstein Glück. Er drängelt sich an den überflüllten Tresen und brüllt seine Bestellung in den Lärm.

Der Hamster droht in Vergessenheit zu geraten. Wie von selbst suchen Waldemars Füße den Weg in die Stammkneipe am Heinrichplatz. Auf dem Weg dahin verändert sich das Verkehrsgeschehen auf der Oranienstraße von Minute zu Minute. Der gesamte beräderte Verkehr verlangsamt sich ständig. Dafür laufen immer mehr Leute auf der Fahrbahn herum oder halten dort größere Versammlungen ab. Soweit Waldemar die Sache übersehen kann, ist die Menschenmischung die gleiche wie sonst. Es sind aber augenscheinlich zehnmal so viele Leute wie sonst unterwegs. Als er den Heinrichplatz erreicht, lärmt eine größere Anzahl Wannen durch die Mariannenstraße Richtung Skalitzer. Der letzte Wagen ist gerade auf Waldemars Höhe, als in der halb geöffneten hinteren Tür ein Instrument erscheint, das er spontan für ein Saxophon halten würde. Bruchteile von Sekunden später wischt ein heißer, metallischer Schatten zwischen seinen flatternden Hosenbeinen hindurch und prallt hinter ihm an der Hauswand ab. Beißender Qualm quillt aus dem Wurfkörper. Waldemar beschleunigt enorm und rast durch den Eingang ins schützende Innere des Elephanten. Völlig entnervt bestellt er sich ein Bier.

Noch immer kann er keinen klaren Gedanken fassen. Er zwingt sich zur Konzentrahon und balanciert den Bierdeckel mit den Fingerspitzen, auf den irgend jemand gekritzelt hat: b quadrat + Wurzel aus m quadrat =z hoch G. Falckenstein zieht aus seiner Jackentasche die FormeIsammlung des VEB Fachbuchverlag Leipzig, 1966, 8. Auflage, blättert und liest auf Seite 131 >Ausgleich der rotierenden Massen<, S.126 >Eythelweinsche Seilreibungsgleichung<, Seite 81 >gerader zentraler Stoß - unelastisch, elastisch, teilelastisch...<. Automatisch fasst er sich ans Kinn. Er spürt einen Schmerz im Unterkiefer und erinnert sich an eine unangenehme Situation, die schon einige Jahre zurückliegt. Es war an einem Tag, als ihn Uschi mit dem Fahrrad von seinem damaligen ABM-Job als Kettensägenführer im Span-dauer Forst abholte. Er hatte es sich auf dem Gepäckträger bequem gemacht. Der alte Hess muss an diesem Tag Geburtstag gehabt haben. Vor dem Kriegsverbrechergefängnis in der Wilhelmstraße hielten Neonazis ihre Prozedur ab, schlugen die Hacken zusammen und rissen die Arme zum Teutschen Gruß empor. Dem fanatischen Schwenkbereich der oberen Extremitäten zu nahe gekommen, fanden sich die beiden unter ihrem Fahrrad wieder. Falckensteins Kinn war verstaucht. Der alte Sack wird wohl auch bald den Löffel abgeben, denkt Falckenstein und blättert weiter. Für alles mögliche haben diese Wissenschaft1er heutzutage Formeln parat. Da steht es: m = Masse, b = Bananenschale, z hoch G = Zerbröselungsfaktor der Gesellschaft nach Professor Waldemar. Zerbröselungsfaktor? Eine ungeheure Energie liegt in der Luft.

Aus allen vier Himmelsrichtungen ist an- oder abschwellendes Lalü zu hören. Um Waldemar herum trinken und diskutieren und trinken eine Million Leute. Durch die weit geöffnete Tür sieht er einen Altglas-Container, dessen Standort im Hauruck-Verfahren mitten auf die Kreuzung verlegt wird. Ein paar Meter daneben brennt ein Mercedes. Dazwischen wimmelt es von Leuten. Der Türausschnitt, durch den er die Straßenszene sieht, wirkt unwirklich wie ein TV-Bild. Waldemar weiß auch ohne Fernseher, warum Geschichte sich ständig wiederholt, und dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob gerade die Tragödie oder die Farce an der Reihe ist. kramt seinen Füller hervor und schreibt auf den Rand eines Bierdeckels die bekannte Formel: b quadrat + Wurzel aus m = z hoch G. Als sein Bier kommt, möchte die Kellnerin sofort kassieren. Waldemar unterschreibt den Bierdeckel und will damit bezahlen. Da das nicht akzeptiert wird, zuckt er verständnislos sein Portemonnaie, löhnt, lässt das Bier stehen und stürzt wieder nach draußen.

Auf der Straße liegt eine zerbeulte Wanne. Sieht aus, als wäre sie auf b quadrat ausgerutscht, stellt Falckenstein fest. Im Nordosten leuchtet der Himmel rot, blau und grün zugleich. Was zur Hölle haben die da angezündet? Böllerschüsse krachen, und bunte Raketen steigen auf. Der Osten schickt den Westberliner Werktätigen Kampfesgrüße mit seinem Maifeuerwerk. Aus vorbeirasenden Wannen wird Tränengas in die Menge geschossen. Falckenstein legt einen Sprint ein, und ihm ist es egal, dass er dabei den halben Tascheninhalt aus den wehenden Rockschößen verliert. „Nich inne Oogen reiben“, ruft ihm jemand nach. In einer Nebenstraße bleibt er stehen und atmet durch. Eine laute, dumpfe Explosion lässt ihn zusammenzucken. Er eilt zum Heinrichplatz, wo ein Bagger oder eine Feuerwehr in die Luft geflogen sein soll.

In der allmählich beginnenden Dämmerung bewegt sich Waldemar ziellos durch die Straßen. Überall ein ähnlich zusammengesetztes Bild: FIammen, Menschen, Pflastersteine, Bierflaschen, Bauwagen, Blaulichter. In der Muskauer Straße zerren maskierte Jugendliche ein räderloses Äutowrack in die Straßenmitte. Auf dessen Haube steht in großen groben Strichen: „wird abgeholt!“
Eine Ecke weiter kommen ihm drei Bengels entgegen, die kistenweise Rauchwaren davonschleppen. „Jips dahinten, Alta, allet umsonst“, grinsen sie ihm zu. Und Waldemar grinst zurück.

Waldemars Hamster macht einen panischen, känguruhartigen Satz zur Seite. Ein Formelbuch mit abwaschbarem Umschlag trifft ihn beinahe am Kopf und schlägt dicht neben ihm ein. Hatte er nicht neulich auf dem Schreibtisch des Professors einen Artikel über die bedrohliche Zunahme von near misses in der amerikanischen Luftfahrt gelesen? Der Professor scheint realitätsbezogener zu sein, als er bisher annahm. Doch dieser Schreck ist nichts im Vergleich zu dem, was er vor ziemlich genau 21 Jahren erlebte, als der Professor ihn zum Picknick an den Stößensee in Spandau mitnahm. Da überschlug sich ein Düsenjäger mit kyrillischen Schriftzeichen und klatschte wie ein Stein ins flache Wasser. Die haushohe Schlammfontäne versaute das ganze Essen. Erst Knallen, dann Fallen! hatte der Professor geschimpft und dem aus dein Schlamm herausragenden Schwanz des Fliegers mit der Faust gedroht.

Als Waldemar in die Pücklerstraße einbiegt, stößt er beinahe mit Brigitte A. zusammen. Sie hat einen Araber an der Hand, den sie Waldemar kurz als »Genossen aus Palästina« vorstellt. Aufgeregt erklärt sie dem Mann die Ereignisse. „Look there, those policemen over there, at their cars, they don’t know what to do. Probably they’ll shoot gas in that direction. But they gotta watch their backs, haha“. Und zu Waldemar gewandt: „Na, wie immer hinter der Front?! Scheiße, ich muß gucken, wo Dingsbums mit meinem Baby ist. Ich suche sie schon seit zwei Stunden.“ Und wendet sich an ihren Begleiter und erklärt weiter. Waldemar zuckt die Achseln und geht zum Lausitzer Platz. Der sieht aus wie ein Schlachtfeld: Niedergefahrene Stände, brennende Barrikaden und ein Meer von Kleintrümmern. Und überall Leute, Leute, Leute.

Falckenstein gesellt sich zu allerlei Volk, das sich vor einem brennenden Bauwagen versammelt hat. Irgendwer schenkt ihm Bier und Zigaretten. Seinen sonstigen Gewohnheiten zum Trotz unterhält er sich ausgelassen mit wildfremden Leuten. Ein alter Knacker mit Sturzhelm (Cromwell Halbschale) gestikuliert mit einem weißen Stock und fragt nach seinem ihm entfallenen Hamster. Jemand haut dem Alten auf die Schulter: „Eij Mann, Hamstan hießet Fünfunvürzich, heute heeßt et Plündan! Willste n Schluck Sekt? Heute kann ick nämlich ooch ma een ausjehm, halt dir ran!“ Aber der Alte schüttelt den Kopf und geht weiter. Falckenstein ist in aufgekratzter Stimmung und setzt seinen Streifzug durchs Viertel fort.

Der ganze Bezirk wird von hüben und drüben aufs beste illuminiert. Im Osten färbt sich der Himmel abwechselnd grün und rot. - Waldemars Vermutungen schwanken zunächst zwischen Chemieunfall gigantischen Ausmaßes und einem autonomen Großfeuer ganzer Straßenzüge - und im Westen lodern die Barrikaden, alle 50 Meter eine. Der ellenlange Bretterzaun Skalitzer Ecke Mariannenstraße wird von einer Horde Halbstarker barrikadengerecht zerlegt und verheizt. Waldemar legt Hand an.

Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig sieht der Hamster Menschen, die sich mit großen Pappkartons abmühen. Eine Mischung aus Neu- und Beutegier treibt ihn über die Straße. Vorsichtig blickt er sich nach Autos um, da laut Urteil des OLG Kassel vom 1.5.1982 die Rettung eines Kleintieres kein zwingender Grund für eine Notbremsung ist. Er klettert über die herumliegenden Pflastersteine und erreicht wohlbehalten sein Ziel. Die Leute mit den Kartons tauschen Gegenstände aus. Eine Plastiktüte fällt dem Hamster vor die Füße. Haferflocken, durchzuckt es ihn, und er macht seinem Namen alle Ehre.

Am Kottbusser Tor sammeln sich Wannen und Wasserwerfer. Vermutlich nicht nur dort, denkt Waldemar. Aber die verschreckte Staatsmacht scheint begriffen zu haben, daß es momentan keinem Fahrzeug, das größer als ein Rollschuh ist, gelingen kann, in den Kern von SO 36 einzufahren, ohne zur Barrikade verarbeitet zu werden. Ansonsten scheint die Polizei von jeder Taktik unbeleckt. Ziellos rasen Kolonnen von Einsatzfahrzeugen durch die peripheren Straßen, teilweise unbesetzt und in der Regel nach ein bis zwei Fahrten in einem denkbar schlechten Zustand: platte Reifen, trotz der Vergitterung eingeschlagene Fenster und Außenhäute, die nach wahren Steinundsonstwashageln wie Mondkarten aussehen. Auf etlichen fehlen auch die Signalhörner und Blaulichter, kläglich drehen sich übriggebliebene Löffelchen auf den Sockeln. „Kein Ton, kein Licht, wir kommen nicht“, ruft ein Dichter der Nacht den Wannen nach.

Das Viertel bietet ein unglaubliches Bild. Zwischen Feuern kurven Radfahrer. Leute schleppen Kisten, Stiegen und Flaschen. Genussmittel werden verteilt oder zwischengelagert Weit und breit keine Polizei. Falckenstein genießt die Atmosphäre. In der nächsten Straße sieht es aus, als wäre nichts geschehen. Türkische Großfamilien mit Kind und Kegel wie alle Tage und Nächte. In den Straßencafes und Kneipen herrscht der übliche Betrieb, und die Tränengaskonzentration in der Luft ist etwas geringer.

Falckenstein zieht es zum Görlitzer Bahnhof, von dem rhythmisches Trommeln herüberdröhnt. An der nächsten Ecke fliegen von allen Seiten Steine auf eine Feuerwehr, von denen etliche ihr Ziel verfehlen und Beulen und Brüchen unter den sich gegenüber stehenden Werfern und anderen anrichten. Falckenstein erkennt die fatale Wirkung ballistischer Gesetze unter Alkoholeinfluss.

Ein Hagel Gasgranaten, aus einiger Entfernung abgeschossen, zwingt Waldemar zu einem Spurt, in dessen Verlauf er einen zwölf- oder vierzehnjährigen türkischen Jungen mitzerrt, der fasziniert vom Schauspiel das wegrennen vergessen hat. Außerhalb der Gefahrenzone, in einem Hauseingang, sprudelt der Piepel los: „Wissense, ick muss um halb Elf zuhause sem. Mein Alta hat jesacht, wenn ick späta komme, schlägta mir tot. Aba vorhin hab ick anjerufn und ihm jesacht: dit is so irre, allet, heute Nacht komm ick nich nach Hause, da kannste machen, watte willst, und hab uffjehängt!“ und strahlt Waldemar an und wetzt wieder los. Keine Minute zu früh, denn Sekunden später bremsen ein halbes Dutzend Wannen direkt neben Waldemar, der zur Salzsäule erstarrt. Im Führerhaus des ersten Wagens, genau auf Waldemars Höhe, wird eine Beleuchtung angeknipst, und zwei behelmte Köpfe beugen sich über einen Stadtplan. Der offensichtlich verkehrt herum gehalten wird. Denn nach einer Minute wendet die ganze Kolonne mit quietschenden Reifen in der Straßeneinmündung und rast den gleichen Weg zurück. Einem ungewissen Schicksal entgegen, denkt Waldemar.

Falckenstein kommt an einem ausgeräumten Getränkeladen vorbei. Neben dem Geschäft sitzen Punks auf einer Bank vor ihrer gestapelten Sore. Einige Meter hinter ihnen ist eine Wanne abgestellt, deren Besatzung in voller Kampfausrüstung rat- und tatlos herumlungert. Niemand nimmt Notiz voneinander. Falckenstein fasst es nicht und geht weiter.

Am Heinrichplatz brennen an allen vier Ecken gleich mehrere Barrikaden. Als Waldemar die Straße überquert, begegnen ihm zwei bunte Wesen auf Skateboards, die mit einem Affenzahn gekonnt um alle Hindernisse herum über die brennende Kreuzung segeln. Waldemar ist begeistert.

Autos mit westdeutschen Kennzeichen verlassen den Stadtteil, während Kiezbewohner damit beschäftigt sind, ihre Wagen in ruhigere Straßen umzuparken. Auf der Kreuzung am Görlitzer Bahnhof brennt ein meterhohes Feuer. Menschen über Menschen sind unterwegs. Einige hundert Leute schlagen auf den Eisenpfeilern der Hochbahn ein Trommelkonzert, das weithin vernehmbar ist. Ausgelassene Partystimmung breitet sich aus. Bei Bolle splittern die Scheiben. »Bolle hat offen und keena sitzt anne Kasse!«, werden Rufe laut. Nachdem die ersten Leute eingestiegen sind, drängt sich der halbe Kiez zur Selbstbedienung in den Laden. Niemand empört sich darüber.

Durch die Manteuffelstraße treibt Waldemar im Menschenstrom seiner Kreuzung an der Hochbahnhaltestelle Görlitzer Bahnhof entgegen. Aus zwei Büchsen Bier, die ihm Leute in die Hand gedrückt haben, abwechselnd trinkend, erreicht er die Grundschule, wo eine emsige Horde Kinder damit beschäftigt ist, Kisten und Kartons mit Waren aus den verschiedensten Geschäften über den Schulzaun zu schaffen und im Gebüsch zu verbunkern. Waldemar bedient sich aus einer Zigarrenkiste, die ihm im Vorbeigehen hingehalten wird, und lehnt dankend weitere Getränke ab.

Falckenstein überquert die Kreuzung. Die dunklen Brandstellen im Asphalt, aus denen eingeschmolzende Bierdosen und Pflastersteine herausragen, gefallen ihm außerordentlich. Er drängt sich durch die Menge und zum Görlitzer Bahnhof vor, wo gerade die Fahrscheinautomaten auseinandergenommen werden. Er ist auf den Fahrscheindrucker scharf, der jedoch dem allgemeinen Ausbruch von Lebensfreude zum Opfer fällt, bevor er sich einmischen kann.

Bolle brennt. Erst nur ein bisschen und ganz hinten drin. Einkaufswagen voller Lebensmittel, Spirituosen und Pampers werden auf die Straße geschoben und unter die Leute verteilt oder irgendwo in Sicherheit gebracht. Weit und breit keine Legalität mehr. Nur noch Volk, das sich amüsiert.
Wenn es einen Preis für die schönste Kreuzung dieser erstaunlichen Nacht geben würde, denkt Waldemar, dann verdient ihn die vor seiner Haustür. Mehr als ein Dutzend Barrikaden schützen das Treiben auf dem Platz. Daimler und Enten brennen vereint. Auf zwei riesigen Scheiterhaufen unter der Hochbahnbrücke geht die Inneneinrichtung von Bolle in Rauch auf. Drum herum tanzt die berühmte Kreuzberger Mischung. Auffallend ist nur, dass entschieden weniger Hunde als sonst unterwegs sind.

Dem Hamster hängt es zum Halse raus, ständig die Haferflocken mit sich herumschleppen zu müssen. Er sucht ein geeignetes Versteck. Die Hecke hinter dem Schulhofzaun bietet sich an. Diese Idee teilt er mit etlichen Kindern, die Zigaretten und Kaugummis über den Zaun in die Büsche werfen.

Bei aller Ausgelassenheit der Leute kann Waldemar nirgendwo Anzeichen von Hektik und Streß feststellen. Alles grinst, und alle sind freundlich, ja höflich zueinander. Es wird viel erzählt. Ein baumlanger Kerl mit einen Tuch vor dem Gesicht schreitet gelassen von Verkehrsampel zu Verkehrsampel und zerschlägt systematisch mit einem dicken Eisenrohr alle Lichter. Es gibt eine Menge Ampeln auf dieser Kreuzung.

Falckenstein bleibt am brennenden Stromverteilerkasten vor der Feuchten Welle stehen. In unregelmäßigen Abständen krachen die Kurzschlüsse. Blauknisternde Blitze und helle Stichflammen schlagen aus dem Kasten. Die Lichter in der ganzen Gegend flackern und gehen nach einem undurchschaubaren Schaltrhythmus abwechselnd an und aus.

In einer Wohnung im dritten Stock in der Naunynstraße sitzt eine alte Frau auf dem Schrank und guckt durch einen Feldstecher auf die Straße. Alles, was sie sieht, und eine Menge Sachen, die sich nur in ihrem Kopf ereignen, unabhängig davon, dass sie sich gleichzeitig, und genau so, tatsächlich irgendwo in SO 36 abspielen, schreibt sie auf kleine Zettel und stopft diese in einen weinroten 12-Unzen-Boxhandschuh. Da in all ihren Anträgen auf Finanzierung einer Vierteljahres-Zeitsehrift mit dem Titel »Kulturen im Spannungsfeld zwischen Gestern und Heute« nie beantwortet hat, beschließt sie spontan, alles aufzuschreiben und im Boxhandschuh an das Paul-Löbe-lnstitut zu schicken. Diese Wixer.

Vor der Feuerwache in der Wiener Straße hat sich Volk um einen großen Mann in blauer Uniform versammelt. Waldemar schlendert näher und lauscht der Diskussion. Es geht um die Bewohner der neben Bolle gelegenen Häuser, die in einem ebenso dramatischen wie lächerlichen Einsatz versuchen, die Brandmauern per Trittleiter und Gartenschlauch zu kühlen, weil die Feuerwehr nicht herankommt an den mittlerweile recht kräftig brennenden eingeschossigen Kasten, dessen letzte Waren längst auf der Kreuzung verteilt worden sind. Der umringte Oberbrandbekämpfer erklärt den Leuten souverän, dass keine Gefahr für die angrenzenden Häuser besteht: „In den modernen Betondingern, ja, da hätte ick ooch Schiss, aba zu eure Häuser könnta Vertraun ham, wenn die früha ne Brandmaua jebaut ham, dann ham se ooch Brandmauer jemeint. Bei euch wern noch nich ma die Tapeten warm.“

Unter schwarzen stinkenden Rauchschwaden steht der Supermarkt in Flammen. Eine alte Frau stellt ihre Tasche neben Falckenstein ab und schimpft: „Fuffzehn Jahre Bolle sind fuffzehn Jahre zuviel!“ Niemand widerspricht ihr.

Waldemars Hamster biegt um eine Ecke und begegnet einem Hund, der wie Trotzkij aussieht. Der Hamster weiß nicht, wer Trotzkij ist, und kümmert sich nicht weiter darum.

Falckenstein ergattert einen freien Stuhl im Straßengarten der Pizzeria mit Blick auf den Görlitzer Bahnhof, der wie ein riesiger ausgebleichter Knochen aussieht. Die Scheiben fehlen, unten brennen die Kioske und oben an den Pfeilern die dicken Kabel.

Waldemar kehrt zur Kreuzung zurück und stellt mit einer Mischung aus Bestürzung und Hingerissenheit fest, daß er beinahe bereit ist, sich in das bacchantische Treiben vor dem großen brennenden Verteilerkasten zu stürzen. Die Decke von Bolle ist durchgebrannt und stürzt funkenstiebend ein, vom frenetischen Beifall der Festgesellschaft begleitet. Das untunterbrochene Trommeln und Klopfen auf allem, was irgendwie Laut gibt, läßt Waldemars Fantasie davonfliegen. Ein junges Mädchen, in der er trotz Maskierung unschwer die Verkäuferin des Bäckerladens erkennt, tanzt an Waldemar vorbei und lässt ihn völlig die Fassung verlieren. Dir würde ich gern mal aus meinen Logarithmentafeln vorlesen, ruft Waldemar ihr in Gedanken nach und schilt sich gleich darauf einen alten Narren und bereut doch nichts.

Der feuerspuckende Verteilerkasten ist dem Hamster nicht geheuer. Verteiler ist überhaupt ein viel zu harmloses Wort für so ein komplexes Gebilde, denn wo etwas verteilt wird, müssen die Fäden zusammenlaufen. Er erinnert sich an ein Manuskript, das zwischen Apfelschalen und Brotrinden auf dem Küchentisch lag. Da war von retourner la distribution die Rede. In Gedanken verstrickt, überquert er die autofreie Straße und begibt sich nach Hause, wo er vor der Wohnungstür auf den Professor wartet.

Der Verteilerkasten der Firma Bewag produziert seit Stunden unermüdlich seine fulminanten Lichtbogenentladungen und Goldregen-Kurzschlüsse. Nach den Straßenlaternen und Geschäftsbeleuchtungen hat der elektrische Strom nun auch in den Wohnhäusern der Wiener Straße seinen Geist aufgegeben. In vielen Fenstern sind Kerzen zu sehen, was Waldemar an frühere Jahrestage des 13. August 1961 eririnert. Mit der Spitze seines Spazierstocks stochert er im Zuckersand vor der Einfahrt der Moschee herum. Die großflächige Entfernung des Steinpflasters hat zwar nicht zur Freilegung des Strandes geführt, aber dafür das Trottoir in eine begehbare Kleinwüste verwandelt.

Falckenstein bemerkt eine zunehmende Besoffenheit nicht nur bei sich. Seinen Platz im Garten musste er ins Innere der Kneipe verlegen, seit Polizeieinheiten mit schwerem Gerät die Kreuzung zurückerobern. Wasserwerfer mit CN-Beimengung, Panzerwagen und Räumfahrzeuge brettern durch die Skalitzer Straße. Jetzt, da nur noch wenige Leute auf den Straßen sind, schwärmen die Greiftrupps aus. Die Rückkehr der gewöhnlichen Ordnung ist blutig. Als die Lage auf der Straße etwas ruhiger geworden ist, verlassen die Gäste grüppchenweise die Kneipe. Falckenstein gelingt es, auf Umwegen die Skalitzer Straße zu überqueren. Vorbei an marodierenden Bullenhaufen, schwelenden Feuern, Fahrscheingirlanden und beginnenden Straßenreinigungsaktivitäten schleicht er nach Hause, legt sich aufs Bett und ist kein bisschen müde.

Waldemar lehnt in seiner Haustür und trinkt Bier. Unweit überrennt, verprügelt und verhaftet der uniformierte Rachefeldzug einen jungen Mann, der so breit ist, daß er sich auch ohne Schläge und Tritte kaum noch auf den Füßen halten könnte. Waldemar spürt Zorn in sich aufkommen und erinnert sich an eine Äußerung von Klo-Wagen-Manne: „Zuallererst muss man den Menschen bekämpfen.“

Waldemar dreht sich um und denkt: In elf Jahren wissen die Leute höchstens noch, daß weiland 1987 mal ein Haufen großer und kleiner Verteilerkästen abgebrannt ist, schüttelt den Kopf und schließt die Haustür hinter sich.

Juni 1987, Norbert Knofo Kröcher (Mitbegründer der Bewegung 2. Juni) & Werner ETA Theuer (Ex-Totengräber, Archivar im Havemann-Institut)



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