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THEMA:

Flüchtlinge - Abschiebung

ORT: Frankfurt - Sudan
ZEIT: 1999 - 16. Dezember 2010

Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen

Am Do, den 16. Dezember 2010 werden im Haus der Kulturen der Welt in Berlin die Siegerfilme des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises 2010 präsentiert. Die Vorführungen beginnen um 19 Uhr.
Im Rahmen der Ehrung findet auch die Berliner Premiere des Films "Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen" von Güclü Yaman statt. Yaman zeichnet das Schicksal des Flüchtlings Aamir Ageeb nach, der 1999 während seiner Abschiebung getötet wurde. Gefesselt und mit Helm wurde der sudanesische Flüchtling im Flugzeug während des Starts von drei BGS-Beamten niedergedrückt bis er erstickte. Die verantwortlichen Beamten kamen mit Bewährungsstrafen davon. Der Fall Ageeb ist kein Einzelfall. Immer wieder kommen Menschen ums Leben, die sich gegen ihre Abschiebung wehren.
Wir freuen uns, das wir vor der Premiere die Gelegenheit zu einem Interview mit dem Regisseur Güclü Yaman hatten. Das Interview siehe unten.

Filmvorschau: Reise ohne Rückkehr - Endstation Frankfurter Flughafen
Premiere: Do, 16. Dezember 2010 um ca. 22 Uhr im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 1, 10557 Berlin



Ein Film von Güclü Yaman

Klicke auf das obenstehende Bild
und siehe eine Vorschau auf den Film "Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen"
1'24 Min (Flash-Version.)


Interview mit Güclü Yaman
Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen

Umbruch: Güclü, in deinem neuem Film "Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen" geht es um die "Abschiebung von Flüchtlingen". Wie bist du auf das Thema gekommen? Hattest du einen persönlichen Bezug dazu?

Güclü Yaman: Der Film erzählt eine Abschiebungsgeschichte. Diese Geschichte enthält aber nach meiner Meinung viel mehr Aspekte als eine Abschiebung. Ich sehe darin eine Globalisierungstragödie, die stellvertretend für viele andere steht. In Wirklichkeit ist Afrika nicht weit weg von Europa. Mit IWF, Weltbank, EPA ( Economic Partnership Agreements) und großen Konzernen sind auch europäische Mächte mitten in Afrika. Die Geschichte von Aamir Ageeb ist in diesem Zusammenhang ein Beweis dafür, was man unter Globalisierung verstehen soll. Nämlich, das wenn es um Profit geht, alle Grenzen bis es nicht mehr geht geöffnet werden, das aber die Menschen an den gleichen Grenzen wie Dreck behandelt werden.
Ein Mann, der aus einem der schlimmsten und am längsten andauernden Bürgerkriege der Welt flüchtet, um in einem sicheren Land zu leben, verliert sein Leben durch die Hände von Sicherheitskräften dieses Landes. Dieser Mann, der aus den ärmsten der armen Regionen der Welt stammt, hat sich vielleicht ein besseres Leben in einem wohlhabenden Land erhofft. Aber, weder das arme noch das reiche Land kann ihm ein sicheres Leben gewähren. Natürlich werden nicht alle Flüchtlinge bei ihrer Abschiebung getötet. Das ist die Spitze der Gewalt, die aber viele Flüchtlinge in verschiedenen Phasen ihrer Flucht in verschiedenen Intensitäten betreffen. Es spielt dann keine Rolle mehr, ob sie sich inmitten einer „Zivilisation“ oder in unbekannten Ecken der Welt befinden.
Wenn man den Film anschaut wird man sehen, wie Aamir Ageeb bei seiner Abschiebung behandelt wird. Das sagt viel aus über das Verständnis der europäischen Machthaber in Bezug auf Demokratie und Menschenrechte, die angeblich dafür in anderen Ländern Kriege führen.
Und das schlimmste ist, dass jemand in einem Flugzeug unter 200 Menschen getötet wird und dass keiner von ihnen etwas dagegen getan hat. Das ist grauenhaft. Allein das ist ein großes Phänomen, dass man stundenlang diskutieren könnte. Es ist schlimmer als eine Steinigung, weil das Opfer diesmal mit „nicht geworfenen Steinen“ getötet wird. Von allen Leuten, die damals ausgesagt haben, gibt es fast niemand, der Aamir's Schreie nicht gehört hat. Es ist ein erschreckendes Armutszeugnis der Gesellschaft.

Umbruch: Der gewaltsame Tod von Aamir Ageeb während seiner Abschiebung von Frankfurt in den Sudan hat damals viele Menschen empört. Das war vor mehr als 10 Jahren. Wieso greifst du sein Schicksal in deinem Film  wieder auf?

Güclü Yaman: Die Geschichte von Aamir Ageeb steht stellvertretend für viele andere. Das habe ich von Anfang an immer so wahrgenommen, sowohl beim Drehbuch schreiben als auch beim Dreh. In diesem Sinne spielt es für mich keine Rolle, dass die Geschichte zehn Jahre her ist. Solange die Bedingungen existieren, die ich vorhin erwähnt habe, werden wir immer wieder von ähnlichen Schicksalen hören.

Umbruch: Der Tod von Aamir wurde seinerseit von den Behörden als bedauerlicher Einzelfall heruntergespielt. Gibt es heute einen anderen Umgang bei Abschiebungen?

Güclü Yaman: In Deutschland haben wir seitdem keine Abschiebetote mehr. Das verdanken wir hauptsächlich den Protesten nach dem Tod von Aamir Ageeb. Viele Menschen werden aber auch in Deutschland weiterhin abgeschoben, teilweise auch gewaltsam.
Es gab sogar wieder zwei Abschiebetote in diesem Jahr in Europa. Im April in der Schweiz in einem Abschiebe-Charterflug und vor kurzem in England, genauso wie Aamir Ageeb, erneut in einem Passagierflugzeug.

Umbruch: Die Vorbereitungen für deinen Film waren sehr aufwendig. Du mußtest, um den Fall nachstellen zu können, z.B. eine Polizeizelle und ein Flugzeug mieten. War das einfach so möglich? Wie waren die Reaktionen dabei?

Güclü Yaman: Das war gar nicht so einfach möglich. Es war ein sehr mühsamer Weg und eine der Gründe, warum die Produktion dieses Films so lange gedauert hat. Bei den Anträgen auf Drehgenehmigungen gab es manchmal pauschale Absagen und manchmal auch Absagen, nachdem man erfahren hat, worum es in dem Film geht. Man findet aber immer einen Weg.

Umbruch: Hast du dich strikt an das Drehbuch gehalten oder hat sich während der Dreharbeiten der Film entwickelt. Hatten die Schauspieler Einfluß auf die Gestaltung des Films?

Güclü Yaman: Ich bin grundsätzlich dafür, dass die Schauspieler Möglichkeit haben den Film mitzugestalten. Bei diesem Film war die Möglichkeit dafür leider nicht so groß, weil der Film eine wahre Geschichte erzählt. Deswegen habe ich mich meistens streng an das Drehbuch gehalten. Knapp 30 Rollen des Films konnten wir mit professionellen Schauspielern besetzen. Sie haben für den Film unentgeltlich gearbeitet, weil sie an dem Inhalt des Films Interesse hatten, genauso wie das Drehteam und die Komparsen. So ist ein Film entstanden, der auf ausschließlich ehrenamtlicher Beteiligung von etwa 120 Menschen basiert.

Umbruch: Wo wird der Film zu sehen sein?

Güclü Yaman: Der Film hat bald in Berlin Premiere im Rahmen der Veranstaltung der langen Nacht des Menschenrechts-Films. Ich weiß, dass einige den Film in Schulen und in Gewerkschaften zeigen wollen. Wann genau, weiß ich aber nicht. Ansonsten gibt es momentan noch keine weitere Termine.

Umbruch: Was wäre dein Wunsch, was der Film bewirken bzw. auslösen könnte?

Güclü Yaman: Es wäre zum Beispiel nicht schlecht, wenn alle Zuschauer mit den Filmemacher zusammen nach der Berliner Premiere des Films gleich das Innenministerium besetzen würden und das solange weitermachen würden, bis alle Abschiebungen und Abschiebehaft abgeschafft werden. Das Innenministerium steht ja um die Ecke. :-)

Umbruch: Güclü, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit deinem Film!



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