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THEMA: Togo
ORT: Berlin
ZEIT: 24. Mai 2004
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv/ 3423 \
 

Dauerkolonie Togo ?

Am Samstag, den 24.4. fand im Weddinger 'Afrikanischen Viertel' in Berlin ein weitgehend unbemerkter Mai-Stein statt, ein Antikolonialer Spaziergang zur Kleingartensiedlung 'Dauerkolonie Togo e.V.'
Etwa 50 Leute trafen sich am Berliner U-Bahnhof Rehberge und spazierten durch die Straßen rund um die von Häusern umsäumte Kleingartenanlage. Die Togolesen aus Berlin, Flüchtlinge aus Brandenburger Flüchtlingsheimen und vereinzelte Deutsche verblüfften die AnwohnerInnen mit Redebeiträgen zu Straßennamen des Viertels und zur Geschichte der Kleingartenkolonie. Es gab Informationen zur aktuellen politischen Lage in Togo, Berichte über Abschiebungen aus der BRD dorthin und afrikanische Musik. (weiter: siehe unten)



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Fotos: Fadl/Umbruch-Bildarchiv
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Foto: Umbruch Bildarchiv #1132x) Diskussion mit dem Vorsitzenden der Dauerkolonie Togo e.V. Foto: Umbruch Bildarchiv #1132y) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1132z) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1132t) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1132u) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133b) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1132v) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133a) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1132w) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133c) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133d) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133f) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133g) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133i) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133e) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133j) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133k) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133l) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133m) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133o) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1133h)

Auch der Vorsitzende des Kleingartenvereins war gekommen. Er war redlich bemüht seiner Besorgnis Ausdruck zu verleihen, daß der Name der Gartenanlage nicht als politisch gemeint missverstanden werde. Die Anlage sei ja nur so benannt worden, weil die (Togo-) Strasse schon so hieß. Dass die Umbenennung der ehemals "Zur fröhlichen Rehberge" benannten Gärten 1939 in 'Dauerkolonie Togo e.V.' möglicherweise einen politischen Hintergrund hatte, war ihm sichtlich unangenehm. Nichtsdestotrotz setzte sich die kleine aber feine Demo bald in Bewegung und legte unterwegs einige 'Denksteine' ab, um der Opfer der Kolonialisierung zu gedenken und auch die heutige Situation mit Strassennamen in Verbindung zu bringen, die offenbar kaum jemandem ein Problem bereiten (siehe Redebeiträge).
Am 27.4. findet gegen die Diktatur in Togo eine bundesweite Demonstration in Berlin statt.


Folgende Redebeiträge wurden unterwegs gehalten - die Reaktionen der PassantInnen und AnwohnerInnen variierten erwartungsgemäß zwischen Ablehnung und freundlichem Interesse:

Im Rahmen der Kampagne gegen die Diktatur in Togo und die deutsche Abschiebepolitik demonstrieren wir hier im Afrikanischen Viertel Berlins vor der "Dauerkolonie TOGO e.V." Nicht nur für togoische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ist es äußerst befremdlich, dass Togo, ein seit 1960 offiziell unabhängiges Land, hier als "Dauerkolonie" bezeichnet wird. "Dauerkolonie Togo" - wir fordern die Änderung dieses Namens, der im Zusammenhang mit umliegenden Straßen wie Nachtigalplatz oder Petersallee nur kolonial verstanden werden kann. Gustav Hermann Nachtigal war ein Wegbereiter des deutschen Kolonialismus und hisste 1884, vor genau 120 Jahren, in Togo und in Kamerun die deutsche Flagge! Dr. Carl Peters war ein Psychopath, der durch Betrug Ländereien in Ostafrika erwarb! *

Die Folgen der Kolonialisierung machen sich noch immer in diesen Ländern bemerkbar. Die Abhängigkeiten bestehen fort: Europa konsumiert, Afrika produziert. Afrika baut den Kaffee an, Afrika liefert Gold, Öl, Phosphat usw. Die Ignoranz gegenüber der kolonialen Vergangenheit setzt sich fort in der Ignoranz gegenüber der aktuellen Situation togoischer AsylbewerberInnen und Flüchtlinge in der BRD. Sie sind hier, weil wir ihre Länder zerstört haben und weiter zerstören! Deutsche führen noch immer florierende Unternehmen in Togo! Und die vor der Gewalt der Diktatur Flüchtenden dürfen hier nicht arbeiten, nicht reisen, nicht sein!?

Wir fordern den Stop aller Abschiebungen nach Togo und in andere Verfolgerstaaten! Keine Kollaboration mit der Diktatur in Togo! Schließung aller Abschiebeknäste! Umbenennung kolonialer Namen! Umdenken kolonialer Strukturen!*

Die Militärdiktatur in Togo
ist die älteste Diktatur in Afrika. Diktator Gnassingbé Eyadema ist auch der dienstälteste Diktator Afrikas.
Anfang Juni 2003 wurde er durch Wahlbetrug für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Seit 36 Jahren hält sich der Militärdiktator durch Terror und brutale Unterdrückung der Bevölkerung an der Macht. Das Land Togo wurde in dieser Zeit an den Rand des sozialen und wirtschaftlichen Ruins geführt. Ein Viertel der Staatsausgaben wird für die Armee ausgegeben. Misswirtschaft und Korruption finden sich im ganzen Land. 1990 erhob sich die Bevölkerung Togos mit der Forderung nach Demokratie. Eyadema verübte ein schonungsloses Massaker an der Bevölkerung. Seitdem wird jede Art von Opposition unterdrückt. Die Präsidentschaftswahlen vom Juni 2003 schlossen Oppositionspolitiker von vornherein aus. Obwohl die UNO und die EU wegen der offensichtlichen Unregelmäßigkeiten bei der Durchführung der Wahlen schon gar nicht erst Wahlbeobachter schickten, hält sich die Kritik seitens der europäischen Regierungen am Regime in Togo in Grenzen.

Von 1884 bis 1920 war Togo deutsche Kolonie, danach französische Kolonie. Bis heute wirken koloniale Strukturen fort. Die wichtigste Exportware Togos ist Phosphor. Die Diktatur ermöglicht den Abbau und die erste Verarbeitung von Phosphat zu konkurrenzlos günstigen Bedingungen. Das Interesse europäischer Regierungen und Konzerne an billigen Rohstoffquellen und billiger Arbeitskraft ist nicht der einzige Aspekt für die Aufrechterhaltung dieser neokolonialen Ordnung. Togo unter General Eyadema ist einer der wichtigsten Umschlagplätze von Waffen. Abgeschirmt von störender Öffentlichkeit werden sie von Togo aus in alle Konfliktzonen Westafrikas geliefert. Die deutsche Regierung und insbesondere der Außenminister Fischer kollaborieren mit der Diktatur Eyademas. Das Auswärtige Amt, dessen oberster Dienstherr Außenminister Joschka Fischer ist, liefert Falschinformationen in seinen aktuellen Lageberichten an die Verwaltungsgerichte. Diese Gerichte urteilen über die Abschiebungen. Das Auswärtige Amt leugnet die Verfolgungs- und Gefahrensituation für oppositionelle Flüchtlinge aus Togo. Die deutsche Regierung verletzt systematisch und bewusst die Menschenrechte und liefert Regimegegner in die Hände ihrer Mörder in Togo aus.

Das Afrikanische Viertel
Wir befinden uns hier im Afrikanischen Viertel in Berlin, in dem 23 Straßennamen an die koloniale Vergangenheit Deutschlands erinnern. Der Ursprung dieser Namensgebungen lag in der Kolonialbegeisterung Ende des 19. Jahrhunderts, die einen ersten Höhepunkt in der Kolonialausstellung 1896 in Berlin fand. 1899 weihte Kaiser Wilhelm II. persönlich mit großem Pomp die ersten beiden Straßen ein: Die "Togostraße", auf der wir gerade gehen, und die "Kameruner Straße" - 15 Jahre nach der Besetzung Togos und Kameruns durch die deutsche Kolonialmacht. Die meisten Straßen erhielten bis 1914 geographisch orientierte Namen aus den damaligen deutschen Kolonien. Zum Beispiel die "Otawistraße", durch die wir soeben gekommen sind. Sie ist nach einer Stadt im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, benannt, die als Endhaltestelle der kolonialen Eisenbahn große Bedeutung hatte. Andere Straßen oder Plätze wurden Personen der deutschen Kolonialgeschichte gewidmet, wie beispielsweise die "Lüderitzstraße", die wir vor ein paar Minuten passiert haben. Sie ist nach dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz benannt. Er finanzierte den ersten betrügerischen Landkauf, der das Kerngebiet der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika umschloss. Oder zum Beispiel der "Nachtigalplatz", an den wir jetzt gleich kommen werden. Dieser Platz ist Gustav Hermann Nachtigal gewidmet, der Sonderbeauftragter des Deutschen Kaiserreichs war. Er erzwang die sogenannten Schutzverträge für Togo und Kamerun - teils durch Betrug, teils durch militärische Mittel, die sogenannte Kanonenbootdiplomatie.

Der Name "Afrikanisches Viertel" geht ursprünglich auf Pläne des Hamburger Tierparkbesitzers Carl Hagenbeck zurück. Hagenbeck erregte in dieser Zeit mit seinen Völkerschauen, bei denen er Menschen aus anderen Kulturen im Zoo ausstellte, großes Aufsehen. Hier wollte er in der Dünenlandschaft der Rehberge einen exotischen Park anlegen, in dem er neben afrikanischen Tieren auch afrikanische Menschen dauerhaft ausstellen wollte. Der Erste Weltkrieg war das Ende dieser Pläne, der Name blieb. Obwohl dem Deutschen Reich im Versailler Vertrag die Kolonien aberkannt worden waren, wurden 1927 erneut Straßen des Afrikanischen Viertels im kolonialen Geist benannt. Es gibt zum Beispiel eine Tangastraße. Tanga war zu dieser Zeit die wichtigste Hafenstadt für deutsche Farmer des Usambaragebietes im Osten der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania.

Während des Nationalsozialismus' bekam die Kolonialbewegung neuen Auftrieb: So wurde 1939 die "Petersallee" eingeweiht. Dr. Carl Peters, von den Nazis als Kolonialheld gefeiert, hatte durch Gewalt und Betrug Verträge im Osten Afrikas erpresst und damit den Grundstein für die ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika gelegt. Der Sadismus, mit dem er afrikanische Menschen behandelte, trug ihm den Spitznamen Hänge-Peters ein - er pflegte die Menschen hängen zu lassen, die ihm nicht passten. Ebenfalls 1939 wurde die Kleingartensiedlung in der Mitte des Viertels umbenannt. Sie erhielt den Namen Togo.

Besonders hier im afrikanischen Viertel tut sich das Problem der Vergangenheitsbewältigung auf. Schon 1946 gab es erste Bemühungen, Straßen umzubenennen. Ohne Erfolg! In den 1980er Jahren wurde versucht, der Petersallee einen neuen Namen zu geben. Zur Auswahl standen Namen afrikanischer Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart, z.B. Samuel Maherero oder Nelson Mandela. Streitigkeiten im Berliner Parlament führten schließlich dazu, dass aus der Petersallee für Carl Peters 1987 eine Petersallee für Hans Peters, einen weitgehend unbekannten Stadtverordneten, gemacht wurde. Bis heute gibt es in Berlin keine Straße und keinen Platz zur Erinnerung an afrikanische Persönlichkeiten, die für ihre staatliche Unabhängigkeit oder gegen den deutschen Kolonialismus gekämpft haben.


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