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THEMA: Lesvos Pagani Noborder 2009
ORT: Lesvos Griechenland
ZEIT: August - Dezember 2009
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv \ 826 und 3423

Der Kampf der Flüchtlinge
um Freiheit/AZADI - Lesvos 2009

Im Sommer machte die griechische Insel Lesvos international Schlagzeilen. Flüchtlingen gelang es mit Unterstützung von aussen, ein selbstgedrehtes Video Voices from the Inside of Pagani Detention Centre aus dem zentralen Aufnahmelager Pagani zu schmuggeln und auf Youtube zu veröffentlichen. Zur gleichen Zeit fand in Mitilini das NoborderCamp09 statt, um auf die Grenzsituation in der Ägais aufmerksam zu machen. Eine erfolgreiche Kombination: Von der Süddeutschen Zeitung bis hin zu CNN veröffentlichten zahlreiche Medien den Link auf das Video, so das innerhalb weniger Tage Tausende auf die verheerenden Zustände im Flüchtlingslager Pagani aufmerksam wurden. Auch Frontex, die europäische Grenzschutzagentur, die seit einem Jahr im Hafen von Mitilini präsent ist und nachts Jagd auf Migrant_innen macht, geriet in das Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Mehrere befreundete Fotograf_innen waren im Sommer und erst vor kurzem wieder in Lesvos. Vielen Dank für die eindrucksvollen Fotoreihen und Berichte, die sie für Umbruch zusammenstellten!

Lesvos in Griechenland ist ein zentrales Eingangstor für Tausende Flüchtlinge und Migrant_innen, die nach Europa wollen. Sie stapeln sich in kleinen Plastikbooten bei ihrem Versuch, die Wassergrenze Türkei-Griechenland zu überwinden. Manche schaffen es nie. In den letzten 20 Jahren verloren mindestens 1.100 Flüchtlinge und Migrant_innen ihr Leben in der Ägäis.
In Pagani, zwei Kilometer außerhalb von Mitilini, der Hauptstadt der Insel, befindet sich das geschlossene Aufnahmelager, in das alle Flüchtlinge und Migrant_innen gebracht werden, sobald sie Lesvos erreicht haben. Sie werden dort für Wochen und Monate eingesperrt, in Zellen mit jeweils 150 Menschen – Minderjährige, Frauen mit Kindern, alle getrennt von ihren Familien. Hofgang gibt es nur 15 Minuten in der Woche. Es gibt keine medizinische Versorgung, keinen Zugang zu Rechtsanwält_innen und keine Chance in ihrem Asylbegehren angehört zu werden. Die Flüchtlinge sind eingesperrt, nur weil sie Europa ereicht haben und hier nicht willkommen sind.

Durch den öffentlichen Druck, ausgelöst durch das Video der Flüchtlinge und die Aktionen des NoborgerCamps, mußte die griechische Regierung einige Hundert Flüchtlinge freilassen. Die grundsätzliche Situation in Pagani änderte sich nicht.
Nachdem die Aktivist_innen von Noborder wieder weg waren, machten die Migrant_innen mit Hungerstreiks und Revolten weiter auf ihre Situation aufmerksam. Viele Menschenrechtsorganisiationen besuchten Pagani und forderten die Schließung des Lagers. Der neue griechische Vizeminister für Inneres, S.Vougias, kam im Oktober nach Pagani. In einer Pressekonferenz vor Ort sagte er, das "Dantes Inferno nichts gegen Pagani wäre". Auch er forderte die Schließung des Lagers. Doch es passierte nichts. Es waren die gefangenen Migrant_innen selber, die die Schließung von Pagani durchsetzten – sie legten immer wieder Feuer in ihren Zellen.

Doch Pagani ist noch lange nicht gegessen. Während im November 2009 nur noch eine Zelle mit offenen Türen als provisorische Übernachtung für neu ankommende Flüchtlinge genutzt wurde, gab die griechische Regierung Anfang Dezember bereits Pläne für die Zukunft bekannt. 2010 will sie in Lesvos das griechenlandweit erste grosse moderne Lager für Migrant_innen aufmachen mit "besseren Lebensbedingungen" und mehr Abschiebungen.
Migrant_innen kommen nicht nach Europa um in "besseren" Lagern zu leben. Sie wollen Respekt und Asyl und einen Ort, wo sie leben können. Freedom of movement is everybodys right!

Weitere Informationen und zahlreiche Links siehe unten.


Marily Stroux

Pagani in 10 Minuten

Die Situation auf Lesvos seit Oktober '09

Dies ist der versuch in 10 minuten über 10 tage in oktober 2009 in mitilini zu erzählen.
über den weg von der revolte zur freiheit und wie es zur momentanen schliessung von Pagani kam. Oktober ist die begehrteste zeit für migrantInnen um aus der türkei nach griechenland zu kommen. Das meer ist noch ruhig, die saison zuende. Viele versuchen diese letzte chance zu nutzen. Die höchsten ankunftszahlen sind immer im oktober. So war auch pagani voll mit etwa 800 menschen als wir zurück kamen. Hungerstreiks, durststreiks, revolten bestimmten jetzt den alltag in Pagani.
Bei unserem ersten zaun besuch erwartete uns eine überaschung! Die minderjährigen hatten hofgang! So konnten wir uns austauschen und erfuhren das sie sich selber den hofgang organisiert hatten. In dem sie revoltiert hatten. Feuer in die zellen gelegt. Abends wurden sie wieder in die zelle gezwungen und das schloss repariert. Als wir uns verabschiedeten rief einer der jungs: we will give everyday revolt, so that you come here.
Am nächsten tag konnten wir wieder von nah reden. Dieses mal hatten sie in eine andere zelle revolte gemacht.
We can´t live here anymore.
We want our freedom to continue our way.
Die riot bullen die seit einiger zeit im Hof sich aufhielten waren aggressiv und drohten das sie bei jeder neue Revolte 2 Leute festnehmen werden. Egal ob sie sich an der Revolte beteiligt hatten oder nicht. Die Drohung wurde Realität, was die Wut größer machte.
Da die meisten MigrantInnen uns nicht kannten versuchten sie uns ihre Situation zu erklären. als wir dann sagten das wir schon mal hier auch mit mehrere leute demonstriert haben grinste einer und sagte :no border no nation stop deportation! Er war seit 4 Monaten in pagani.
Bei unsere tägliche oder nächtliche besuche am zaun fragten wir ob sie wollen das wir ihre Beschwerden und Geschichten im internet veröffentlichen, wir stellten alles auf die Seite und am nächsten Tag manche davon sagten das ihre Freunde in andere Länder das gesehen haben. Das gefühl ausserhalb der mauern von pagani gehört zu werden, stärkte sie. Sie bedankten sich und Mehdi sagte: Sorry instead of love we give you trouble!
Am Abend vom 21 Oktober erfuhren wir vertrauensvoll das der neue Vice-Innenminister (was jetzt Minister für den Schutz des Bürgers heißt) einen überaschungs-Besuch nach pagani machen wollte. keiner sollte das wissen damit er die Zustände selber sehen könnte. Am nächsten morgen standen wir vor dem Zaun und staunten nicht schlecht.

Das Schrott Auto, was vor der eine Zelle seit Monate hingeschmissen war, war plötzlich entfernt, der Dreck auch, stattdessen MigrantInnen schlenderten hier und da als ob es alltäglich wäre im Hof. Manche saßen zu zweit oder zu dritt. Es sah aus wie eine inszenierte Landschaft. Der Vize-Minister kam begleitet von Menschen von internationalen NGOS, pro asyl, unhcr aber auch den prefekt und polizeichefs. Das Tor ging auf und wir alle gingen rein. Der minister ging in jeder zelle rein, ohne presse, und hörte sich die geschichten der menschen an. Er ging von zelle zur zelle und viele erzählten ihre besonderen geschichten und er hörte zu. Als er zu der minderjährigen zelle kam sagten sie ihm das am Abend davor die riot bullen sie verprügelt und gedroht hatten, wenn sie es jemand sagen, würden sie heute Abend noch mehr verprügelt. Sie sagten das dem Minister, der versuchte ohne erfolg das aufzuklären. Danach in eine pressekonerenz im Hof mit alle Zellen Türen offen sagte er: Dantes inferno wäre nix gegen dem, was er hier gesehen hat und das pagani geschlossen gehört. Die migrantInnen voller Hoffnung auf eine sofortige freilasung waren am jubeln. Temporäre familienzusammenführungen würden von alle fotografiert . familien mitglieder, die seit wochen in getrennte zellen eingesperrt waren, konnten sich endlich sehen und anfassen. Dann ging der Minister und wir auch.nur die gefangen blieben und die riot bullen.
Abends war die Wut der enttäuschte Menschen noch größer und sie legten wieder Feuer. die riot Bullen hielten ihre versprechen und ließen sie einzeln aus der brennende Zelle raus und prügelten jeden einzeln. 6 Migranten wurden verletzt ins Krankenhaus geliefert.einer davon nachdem er zwei Stunden ohnmächtig im Hof lag. andere mussten sich selber behandeln.

Am nächsten morgen als Besuch von einer NOG rein kam erfuhren sie von der Prügel Orgie. Die MitarbeiterInnen der NGO beschlossen sofort anzeige gegen die Polizisten zu erstatten und 147 Migranten unterschrieben, das sie zeugen des Vorfalls waren.
Plötzlich an diesen Nachmittag wurden viel mehr Menschen als sonst freigelassen.
Wir merkten, das darunter zeugen des Vorfalls waren. Diesmal wurden sie auch so freigelassen das sie das Schiff nach Athen rechtzeitig kriegen konnten.
Trotzdem haben wir Interviews machen können mit welchen, die erzählten, das die Polizei sie unter Druck gesetzt hat: entweder bleibst du bei deinen aussagen und bleibst in pagani noch 8 Monate oder du ziehst deine Unterschrift zurück und kommst heute noch frei und darfst auch noch vier Freunde mitnehmen! Haben alle gemacht. aber uns die Geschichte erzählt, und weiter als zeugen zur Verfügung gestanden. Dank den vielen zeugen die schnell entfernt werden sollten kamen viele Menschen frei, die nächste tage. Aber auch die Revolten spitzen sich zu.
Während der jetzt täglich findende Freilassung Nachmittags würde von den zurückgebliebenen ein riesen Feuer gelegt das die Zelle endgültig unbewohnbar machte.

Die freigelassenen wurden immer rechtzeitig zum hafen gebracht, so das sie das Schiff verpassen mussten und nur beim ablegen zugucken konnten. Sie blieben im hafen ohne Tickets, ohne essen, ohne Schlafmöglichkeit. Nach der anzeige gegen sie, beschloss die Polizei sich aus pagani zurückzuziehen. Sie wollten nicht mehr handlanger der politik sein und machten nur noch schichten vor dem Tor. Das personal verschwand auch. Von Tag zu Tag gab es mehr offenen Zellentüren. Tagsüber draußen essen, fussball spielende kinder rannten rum. In der zwischenzeit knallte eines morgens ein Holzboot mit mehrere menschen aus afghanistan gegen einen Felsen nur ein paar Meter vor der Küste von Korakas entfernt. 8 Frauen und Kinder ertranken.
Wir suchten im Krankenhaus nach überlebenden und erfuhren das der prefekt sie in ein Hotel untergebracht hatte. Abends am Zaun von pagani lernten wir Arif Soldier kennen ein überlebender, der von seine Frau únd Baby getrennt wurde und im Knast gebracht. "Aus versehen" wie uns gesagt wurde, nachdem wir auch das öffentlich gemacht haben. Am nächsten tag konnte er zu seine Familie. Ein fischer hatte sein baby seine frau und ihn gerettet in dem er selber ins wasser gesprungen war.
In der zwischenzeit gingen die Revolten weiter.
In der Stadt traf sich das offene Plenum aus verschiedenen politischen zusammenhängen und beschloss eine pressekonferenz vor pagani zu machen und eine Demo. Mit der Forderung der sofortigen Schließung. auch papa stratis kam zur pressekonferenz und verteilte in seiner besondere art kleidung und spielzeug. während er über den zaun sachen reichte, konnten die menschen auch sich selbst bedienen. Bei der Pressekonferenz sprach auch Mehdi, ein minderjähriger afghane stellvertretend für alle von hinter dem Zaun. Die ganze lokale presse war vor Ort und berichtete.
Abends beim nächtlichen besuch hörten wir singen und tanzen aus der einen zelle.
Sie feierten, das am nächsten tag solidarische menschen eine demo für ihre freilassung machen würden. Am nächsten Abend bei der Demo durch die Stadt kamen auch die MigrantInnen mit, die die letzte nacht im Hafen draußen geschlafen hatten. Weil sie nicht rechtzeitig freigelassen wurden um das Schiff zu kriegen und keiner Fahrkarten von der Präfektur bekommen hatte.
Da das Wetter kalt geworden war und darunter Frauen und Kinder sich befanden, wurde beschlossen für die Nacht ein Unigebäude zu besetzen. Die Demo wurde angeführt von etwa 30 migrantInnen und es folgten hunderte von solidarischen menschen. Auch die Überlebenden des schiffsunglücks sind mitgegangen. Geschlossen ging ein teil der demo dann zur Uni, wo warme räume, essen und gastfreundschaft spürbar wurde. Am nächsten Tag kamen die letzten raus. In der hektik der letzten minuten sprang ein mensch wieder rein der was vergessen hatte. Als alle ihre langersehnte papiere, mit der auforderung in einem monat griechenland zu verlassen, in der hand hatten blieb nur noch ein Mensch drin. Ausgerechnet er, der eine rosa Karte hat und in mitlini arbeitet! Er versuchte seit tagen seinen fall aufzuklären, ohne erfolg. Abends kam auch er endlich frei.
Am nächsten Tag mussten wir uns vergewissern das pagani leer war. Neben abgebrannten Matratzen lag draußen ein riesen Schlüsselbund, bis ich das Foto gemacht hatte sprang aus einem privaten Auto ein uniformierter Polizist der mich anmachte was ich mit den Schlüssel wollte. Es wäre seiner! Ich sagte: wir brauchen keine Schlüssel! die Menschen wollen Freiheit. Das Tor war auf, die Putzfrauen waren drin, wir auch. Stücke Stoff überall festgemacht mit gebete, durchhalte -Parolen, erinnerungen an noborder, und überall ein Brandgeruch in der Luft.

Die Wände sagten:
sie wüssten wie Revolten gehen
und werden es weiter erzählen.
Drei tage später gab es schon wieder menschen die den Wänden zuhören wollten :
die einzige noch einigermaßen heile Zelle wurde, mit offenen Tor und ohne personal,
als übernachtungsmöglichkeit von der präfektur benutzt, für neu ankommende.
Pagani ist zu.
Alle zeugen und erfahrene revoltierer sind weit weg,
befreit gegen schweigen.
Pagani wird weiter genutzt
aber nicht nur die Wände wissen jetzt
wie widerstand geht.

Pagani ist zu,
der staat ist nicht rassistisch,
die bullen töten nicht,
die erde ist eine scheibe

AZADI!




Serie 1 - Das Aufnahmelager Pagani
Diaserie ansehen (21 Fotos)

Fotos: Noborder09 Lesvos-Azadi Fotoarchiv
Aristos Gianopoulos, Birte Weiss, David Schommer, Günter Zint, Lena Zint,
Marily Stroux, Najibullah Mehrde, Ralf Simon, Salinia Stroux

     
  Noborder Camp 2009 - Serie 2
Diaserie ansehen (23 Fotos)
  Pagani 2009 (Oktober) - Serie 3
Diaserie ansehen (20 Fotos)
 
     
  Video: Voices from the Inside of Pagani Detention Centre   Pagani in 10 Minuten - Serie 4
Text und Bilder von Marily Stroux
Audio-Diaserie mit aktuellem Bericht aus Pagani ansehen
 
 

Chronologie
NoBorderCamp Lesvos 09

Donnerstag 23.7.
Erfolgreiche Verhinderung der Abschiebung von 62 Flüchtlingen aus dem Flüchtlingsgefängnis Pagani. Angebliches Ziel der geplanten Abschiebung war ein Knast in Kavala, der aber gar nicht existiert. Wahrscheinlicher ist ein Refoulement in die Türkei. Spät nachts als die Flüchtlinge in Handschellen zum Schiff geführt wurden tauchten überraschend 60 Menschen vor dem Fährzugang mit Transparenten auf und machten eine Blockade. Gleichzeitig wurden Flyer an die Passagiere und anderen Anwesenden verteilt und Solidaritäts-Parolen gerufen. Nach ca. 3 Stunden und nachdem schon Riot-Einheiten der Hafen Polizei heran geholt worden waren, die sich aber nur genähert aber nicht eingegriffen haben, fuhr das Schiff endlich weg - ohne die Flüchtlinge.
Ähnliche Aktionen fanden in den darauf folgenden Tagen in Xios und Samos statt.

Freitag 7.8.
Besetzung eines Radiosenders in Mitilini, um über das bevorstehende NoBorderCamp in Lesvos zu informieren und als Gegeninformation, um die Angriffe auf Flüchtlinge auf den ägäischen Inseln öffentlich zu machen.

Montag 10.8.
Hungerstreik der Flüchtlinge im Flüchtlingsgefängnis auf der Insel Samos, um ihre bevorstehende Abschiebung in die Türkei zu verhindern. Sie sind erfolgreich.

Donnerstag 13.8.
Kundgebung im Zentrum von Mitilini. Solidemo für die Flüchtlinge mit etwa 150 Menschen. Die Demo ging durch die Einkaufsstraße Richtung Hafen, wo das Jagdschiff von Frontex liegt. Aber es hatte den Hafen Stunden zuvor verlassen.

Dienstag 18.8.
7 Tage vor Campbeginn! 160 minderjährige Flüchtlinge in Pagani beginnen einen Hungerstreik - ihre einzige Forderung: Freiheit. Sogar per Gesetz ist das Einknasten von Minderjährigen verboten.

Donnerstag 20.8.
Soli-Kundgebung für die minderjährigen Flüchtlinge im Hungerstreik in Pagani. Für viele AktivistInnen ist es ihr erster Besuch in Pagani und sie sind schockiert. Parolen wurden gerufen, sich ausgetauscht und es gelingt, eine Kamera in die Zellen zu schmuggeln. Die gefangenen Flüchtlinge selbst dokumentieren ihre Situation in den überfüllten Zellen. Filmausschnitte von "Voices from Inside Pagani" werden in den nächsten Tagen weltweit bis hin zu CNN gesendet. Später wurde ihre Stimmen von einer Demo in die Stadt getragen, die beim Gericht endete, um den für die Minderjährigen zuständigen Richter zu erreichen. Er war aber abwesend - natürlich.
Polizeieinheiten bewachten das Gericht und das Ministerium der Ägäis - wahrscheinlich aus Angst wegen des vergangenen Dezembers.

Freitag 21.8.
Flüchtlinge aus Somalia und Afghanistan kampieren obdachlos im Hafen - u.a. hochschwangere Frauen, Familien mit kleinen Kindern usw. Sie waren am Vorabend aus Pagani entlassen worden und ohne jede Unterstützung der griechischen Autoritäten zum Hafen gebracht worden. Wegen des Ferienendes in Griechenland sind alle Fähren von Lesbos ausgebucht und sie können die Insel nicht verlassen. Sie werden ins im Aufbau befindliche NoBorderCamp außerhalb der Stadt eingeladen. Sie leben nun zusammen mit den anderen noBorder - AktivistInnen, die schon angekommen waren. Während ihres Aufenthaltes wurden gemeinsame Plena gemacht und gemeinsame Aktionen geplant und durchgeführt. Diskussionen auf dem NoBordercamp, wie man die lokalen Autoritäten dazu bringen kann, die freigelassenen Flüchtlinge zu unterstützen.

Samstag 22.8.
Wie weiter, wenn immer mehr Flüchtlinge ins Camp wollen? Kontroverse Debatten im Camp führen zur Entscheidung in Mitilini einen Infopunkt als Anlaufstelle aufzubauen.

Sonntag 23.8.
Protestaktion im Hafen von Mitilini während der Ankunft und Abfahrt der Fährschiffe. Information der Öffentlichkeit über die Situation der Flüchtlinge auf Lesbos, mit einem Fokus darauf, dass die Flüchtlinge, wenn sie denn endlich aus Pagani freigelassen werden, allein und ohne jede Unterstützung auf der Straße leben müssen.
Bei der Aktion nahmen auch ein Teil der Flüchtlinge teil. Nach der Abfahrt des Schiffes ging die Demo in Richtung Stadt, wo sie auch am Frontexschiff vorbeikam. Die Besatzung erschrak sich sehr und machte einen sehr plötzlichen Rückzug aus dem Hafen. Bei dem Manöver verloren sie ihre Vorleine. Während des Zusammentreffens der Demo und des Frontexschiffes wurde auch das Schiff besprüht: assasini und no bo...
Neben dem National Theater hatte während der Demo parallel der Aufbau des Infopoints des NoBorder begonnen - in einem kleinen Zirkuszelt. Ziel dieses Infopoints war, den Kontakt zur Bevölkerung aufzubauen und die Informationen, Aktionen und Diskussionen von NoBorder in der Bevölkerung bekannt zu machen. NoBorder soll auch in der Stadt sichtbar werden. Der Infopoint wurde später auch das Zuhause für ziemlich viele Flüchtlinge, die auf der Durchreise waren und ein Ort für eine kurze Verschnaufpause, um sich zu erholen. Der Infopoint wurde im Lauf der nächsten Tage zu einem wirklichen "Willkommenszentrum" und gleichermaßen chaotischem wie eindrucksvollen Treffpunkt für viele Neuankömmlinge, die dort von CampaktivistInnen wie auch den schon erfahrenen MigrantInnen in allen Fragen beraten werden.
Das Ende der Demo zum Infopoint war zufällig gleichzeitig mit der traditionellen Sonntags- Militärparade, die die griechische Fahne einholt. Die lokale Bevölkerung wird zusammengeschweißt unter dem gemeinsamen Nenner leerer nationaler Ideale und gibt damit dem Militär eine scheinbare Berechtigung, auf den Straßen präsent zu sein. Spontan haben sich etwa 15 Menschen vor die Parade gestellt und sie blockiert. Eine Gruppe von Zivis, der Küstenwache und Polizisten drängten die Blockierer ab. Davor waren sie aber schon mit Tritten und Schlagstockeinsatz von der hinzueilenden Riot Hafenpolizei geschlagen worden.

Montag 24.8.
Während des Besuchs des UNHCR und seinem Empfang durch den Bürgermeister gab es eine Protestkundgebung vor dem Rathaus. Auch Vertreterinnen von NGOs waren dabei. Nach seinem Besuch in Pagani organisiert NoBorder eine improvisierte Pressekonferenz, in der klare Statements zu Pagani und dem Asylsystem in Griechenland abgegeben werden. Das Rathaus wurde mit einem 15 Meter langen Transparent umwickelt, das dasNoBorderCamp Calais mitgebracht hatte und es wurden viele Parolen gerufen.
Nacht kommen neue Flüchtlinge und MigrantInnen mit Booten aus der Türkei an, vielfach afghanische junge Männer, aber auch somalische junge Frauen. Etwas überraschend, dass die ersten Gruppen (ohne Registrierung) direkt den Infopoint anlaufen. Sie erhalten dort spontan organisierte materielle, medizinische und juristische Unterstützung.

Dienstag 25.8.
Offizieller Start des NoBorder Camps. Erstes großes gemeinsames Plenum mit Berichten über die bisherigen Aktionen und die Strukturen auf dem Camp. Nachmittags Radio-Ballett in Mititlini, das beim Saphoplatz anfing und bis zur Promenade weiter ging.

Mittwoch 26.8.
200 Flüchtlinge werden aus Pagani freigelassen und ein neues offenes Camp wird offiziell eröffnet, auf dem Zeltplatz pikpa neben dem Flughafen. Die Türen sind auf, es gibt keine Polizei. In den kommenden Tagen werden unter dem Druck der Öffentlichkeit immer mehr Flüchtlinge aus Pagani freigelassen und ins pikpa gebracht. (An einem Tag waren 750 Menschen da!) Zu einer Veranstaltung zum Grenzregime auf einem öffentlichen Platz in Mytilini kommen über 300 ZuhörerInnen.

Donnerstag 27.8
Zwei Versuche die Inselprefektur zu besetzen scheitern, ein erster frühmorgens. Ein paar Stunden später versuchten Demonstrantinnen nochmals das Rathaus zu besetzen. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit der Polizei geht die Riot Police auf die Leute mit Feuerwehrkörper und Schlagstockeinsatz los. Mindestens zwei Genossen wurden schwer verletzt. Später wurde der Versuch einer kleinen Gruppe, ein Transparent gegenüber dem Rathaus auszurollen wieder mit Brutalität der Polizei verhindert. Die Hafenpromenade wurde von der Polizei stundenlang zugemacht und blockiert.

 







Am Nachmittag fuhren die ersten Flüchtlinge, die im NoBorderCamp gewohnt hatten, mit der Fähre nach Athen. Eine bunte Farewell Parade begleitete sie zum Hafen. Etwa 200 Leute mit Musik-Anlage und Parolen liefen gemeinsam zum Hafen. Die bunte und fröhliche Parade wurde von grünen MAT-Einheiten begleitet.
Abends gab es die geplanten Besuche mit Diskussionen in vier Dörfern von Lesvos: Plomari, Agiasos, Molivos und Mantamados.Eine Gruppe von 22 Afghanen kommt im Infopoint an. Sie wurden bei ihrer Ankunft auf der Insel nicht festgenommen und wollten auf keinen Fall nach Pagani, sich aber registrieren lassen, um weiterfahren zu können. Sie sind zum Pikpa gefahren und beschlossen nach einem Plenum, dass sie unser Angebot annehmen, dass eine RechtsanwältInnen-Gruppe mit der Polizei verhandelt, dass die 22 sich beim Pikpa direkt registrieren lassen wollen, aber auf keinen Fall in den Knast gehen werden. Registrierung ohne Internierung!
Nach stundenlangen Telefonaten und Gesprächen hat der Bürgermeister eingewilligt, dass sie vor Ort von der Polizei registriert werden und das Papier bekommen, dass sie in 30 Tagen Griechenland verlassen müssen. Dies ist ein Präzedenzfall, der zeigt, dass es möglich ist, die Flüchtlinge einfach zu registrieren und ihren Weg gehen zu lassen - ohne die Zwischenstation Pagani oder irgendeines anderen Knasts.

Freitag 28.8.
Die geplante Kundgebung vor dem Knast in Pagani wird von der Polizei verhindert. Bereits einen Kilometer vor dem Knast stoppen Riot Police Einheiten mit einer Sperre die 600 Demoteilnehmer_innen. Bewaffnet mit Tränengas-Waffen und vermummt haben sie sich in den umliegenden Bergen postiert.
Nach langen Verhandlungen wurde eine Delegation von 15 Menschen nach Pagani hineingelassen, um die Situation drinnen zu sehen, mit den Flüchtlingen zu reden und die Lebensbedingungen öffentlich zu machen. Ärzte der Delegation behandelten die Notfälle und Rechtsanwälte informierten die Flüchtlinge über ihre Rechte. Die Delegation forderte die sofortige Freilassung von Frauen und Kindern, und dass auch alle anderen am nächsten Tag freigelassen werden und zum Camp Pikpa gebracht werden.
Die Behörden versprachen es und versprachen auch, dass bis zum Montag den 31.8. alle Minderjährigen freigelassen werden.
Nichts als Versprechungen.....
Die Kundgebung vor Pagani dauerte 4 Stunden - es wurden viele Parolen gerufen und sehr laut Musik auf der Straße mit allem Möglichen gemacht, hörbar bis zum Gefängnis. Danach gab es eine große Demo mit fast 1.000 Leuten nach und durch Mitilini. Flugblätter wurden verteilt, Plakate geklebt, an die Wände gesprüht und Parolen gerufen, sie endete auf dem Sapfo platz. Eine der größten Demonstrationen auf Lesbos.
Ein Teil der Demo ging weiter bis zum kulturellen Zentrum arxontiko georgiadi wo ein Konzert der Gruppe ximerini kolimvites stattfand, das organisiert war von der Stadtverwaltung. Einige CampAktivistInnen benutzten die Mikrofone und lasen einen Text über Flüchtlinge vor.

Samstag 29.8.
Aktionstag gegen Frontex und die Küstenwache. 50 Menschen springen mit kleinen Schlauchbooten in das Hafenbecken und fangen eine symbolische Blockade des Hafens an. Die Küstenwache, das Limeniko, fängt vor den überraschten Augen aller Anwesenden an, seine mörderische Praktiken mitten im Hafen von Mitilini vorzuführen, indem sie mit schnellen Drehungen ganz nah an den Schlauchbooten versuchen, diese zum Kentern zu bringen - das Gleiche, was sie nachts auf dem offenen Meer mit den Flüchtlingsbooten machen und wofür es nie Zeugen gibt. Gleichzeitig versuchen sie von ihren Schiffen aus mit Wasser aus Schläuchen gezielt auf die Schlauchboote diese zum Sinken zu bringen.
Ein Motorschlauchboot, das sich außerhalb des Hafens befand und als Erste-Hilfe-Boot im Hafen sein wollte, wurde von einem Boot der Küstenwache ohne jegliche Warnung gerammt, die Leute angebrüllt, beschimpft und dann wurde mit einem großen Messer ein 16 Zentimeter langer Schnitt in das Schlauchboot gemacht.
Wir fragen uns, wozu diese Menschen nachts auf dem offenen Meer fähig sein mögen, wenn niemand zuguckt.
Dennoch kamen die ersten Schlauchboote in die Hafeneinfahrt und blockierten sie mit einem Frontex-Kills-Transparent. Eine Solidemo läuft durch den Hafen, DemonstrantInnen gelingt, der Hafenpolizei ein Schlauchboot zu klauen, das wahrscheinlich von Flüchtlingen beschlagnahmt worden war. Die große Fähre läuft aus, behängt mit einem riesigen Frontex-Kills-Transparent.
Parallel zu den Aktionen im Hafen hat eine kleine Gruppe von Menschen sich vor Pagani versammelt und es ist ihnen gelungen, ein Außentor zu öffnen und in den Hof zu gelangen.
Morgens war er für ein paar Stunden lang von Flüchtlingen besetzt gewesen, die nach dem Hofgang nicht wieder in die Zellen zurück gehen wollten.
Zeitgleich werden viele Flüchtlinge aus dem offenen Camp pikpa freigelassen und erhalten ihre weißen Papiere.
Schließlich verlassen die DemonstrantInnen auf dem Hof diesen freiwillig und dennoch kommt die mat Riot Polizei und prügelt mit Schlagstöcken. Das Resultat sind mehrere Verletzte.
Abends gab es ein Soli Konzert mit Bands von MigrantInnen der "2. Generation" aus den Philippinen.

Sonntag 30.8.
In dem Moment als die letzte organisierte Veranstaltung des Camps aufgebaut wurde, zum Thema Migrant_innen, Arbeit und Arbeitsrechte, fand am Infopoint eine sehr merkwürdige Aktion statt.
Es war Sonntag und die traditionelle Militär Parade wurde diesmal begleitet von etwa 20 "Bürgern", rechts und links von ihnen riot Polizei. Dahinter eine Einheit der Küstenwache, die in der ihnen bekannten Art Leute beschimpfte und damit Auseinandersetzungen zu provozieren. Bei ihnen versammelten sich weitere Leute. Anwesend war der Polizeichef von Mitilini und unzählige Leute von der Küstenwache, sogar zwei Krankenwagen nahmen teil.
Es ist offensichtlich, dass sie einen öffentlichen Angriff auf uns suchten. Dazu muss man ergänzen, das sich seit Tagen 20 Meter vom Infopoint entfernt Riot-Polizeieinheiten befanden. Aber die Leute sind auf die Provokationen nicht eingegangen und blieben ruhig aber entschlossen beim Infopoint, wo auch mehrere Flüchtlinge auf ihre Fährtickets warteten Nach diesem ersten öffentlichen Auftritt des nationalistischen faschistischen Zentrums reagierten viele Menschen von noborder sofort und machten Nachtwachen.

Montag 31.8.
Der offizielle Schlusstag des Camps beginnt mit einer Dachbesetzung in Pagani. 10 Menschen aus verschiedenen Ländern stiegen aufs Dach von Pagani und hingen Transparente mit der Forderung nach der Schließung von Pagani und anderen Soli-Parolen auf. Sie gaben den Gefangenen ein Megaphon, damit sie ihre Forderungen selber laut rufen konnten. Die herbeigeeilten Riot-Polizisten griffen die anwesenden DemonstrantInnen vor dem Knast brutal an und holten die DachbesetzerInnen runter und nahmen sie fest. Als die Solidemo in der Stadt ankam, wurde sie nochmals von der RiotPolizei angegriffen. Die Dachbesetzer_innen wurden zur Polizeizentrale gebracht, ihre Personalien aufgenommen und sie dann ohne Anklage freigelassen. Nachmittags begann der Abbau des Infopoints und abends gab es eine "wilde" Abschlussparty im Camp mit dem inoffiziellen Motto: Tanzen
gegen Taliban und Grenzregime!

Dienstag 1.9.
Campabbau und Begleitung und Verabschiedung von Flüchtlingen auf die Fähre nach Athen. Der Protest geht weiter: 47 unbegleitete Jugendliche aus Afghanistan, Somalia und Palästina haben einen Hungerstreik angefangen, vier sogar einen Durststreik. (Das Wasser in Pagani ist aber eh nicht trinkbar). Manche von ihnen sind seit über 40 Tagen eingeknastet. Nach Drohungen von der Knast-Leitung, dass die Hungerstreikenden abgeschoben werden, haben sie mit dem Hungerstreik aufgehört.

Mittwoch 2.9.
Gefangene in Pagani begannen eine Revolte und weigerten sich, in ihre Zellen zurückzugehen und forderten ihre sofortige Freiheit.

Donnerstag 4.9.
Die ersten Flüchtlingsbekanntschaften aus Lesbos kommen in Deutschland an....

Mittwoch 9.9.
Erstmals ist ein Eilantrag sogar vor dem Bundesverfassungsgericht erfolgreich: Die Rückschiebung eines Irakers nach Griechenland entsprechend der Dublin-Regelungen wird untersagt.

 


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