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Vor
15 Jahren:
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Die Mainzer StraßeZwölf Häuser. Das waren fast zwölf Szenen: In einigen Häusern lebten mehrheitlich Ossis, in anderen eher Wessis, es gab Häuser mit Punks, Polit-Freaks, weniger politischen Leuten, ein Frauenhaus, ein Tuntenhaus. Und in jedem Haus Aktivitäten: Kneipen, Volxküche, eine Buchhandlung mit DDR-Literatur, Infoladen und last but not least: den Forellenhof, eine Kneipe im Tuntenhaus, die in der kurzen Zeit ihrer Existenz mit einigen unvergesslichen Tunten-Shows und semi-professionellen Matinées glänzte. Die BürgerInnen auf der anderen, nicht besetzten Straßenseite sahen dem bunten Treiben mit gemischten Gefühlen zu. Einige organisierten sich in einer Bürgerinitiative gegen die Hausbesetzer, weil ihnen einerseits die ständige und nicht bestreitbare Lärmbelästigung auf die Nerven ging, sie sich aber andererseits auch durch bestimmte Transparente und es waren vor allem die aus dem Schwulenhaus gestört fühlten. Den ganzen Sommer über bestürmt diese Bürgerinitiative die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung mit Briefen, in denen sie die Räumung fordert. Doch diese Korrespondenz, die keinesfalls die mehrheitliche Stimmung im Kiez repräsentierte, dürfte kaum der Anlass zu dem gewesen sein, wozu es am 12. November 1990 dann schließlich kam. Am frühen Morgen räumt die Polizei überraschend drei von sieben neu, also nach dem 24. Juli besetzten Häuser, in der Pfarr- und Cotheniusstraße. Es versammeln sich DemonstrantInnen und es kommt zu einzelnen Rangeleien und Festnahmen. Um 10.03 Uhr meldet Radio 100 die Räumung. Gegen 11.15 Uhr beschließen rund 50 Leute aus der Mainzer Straße eine Solidaritätskundgebung. Sie legen Baumaterialien vom Straßenrand auf die Frankfurter Allee, um den Verkehr zu stoppen. Im Polizeifunk wird von mit Blumen verdeckten Nagelbrettern phantasiert. Ein paar Polizisten erscheinen, räumen die Straße frei und werden dabei von vereinzelten Steinwürfen attackiert. Daraufhin taucht innerhalb kürzester Zeit eine Kolonne aus Mannschaftswagen, Räumpanzern und Wasserwerfern auf und durchfährt die Mainzer Straße. Ein paar Mülltonnen werden auf die Straße geschoben. Räumpanzer schieben sie zur Seite, geparkte Autos gleich mit. Es fliegen Steine, die Polizei setzt Tränengas und die Wasserwerfer ein. Die DemonstrantInnen verziehen sich in die besetzten Häuser. Die Polizei beginnt, mit den Wasserwerfern in die Fenster der Häuser zu zielen. Dabei gehen Scheiben zu Bruch und auch unbeteiligte Wohnungen von normalen BürgerInnen sind betroffen. Bereits um zwölf Uhr meldet Radio 100 Straßenkämpfe in
der Mainzer. Daraufhin strömen viele zum Ort des Geschehens. Hier
entwickelt sich nun eine Straßenschlacht mit Barrikaden an beiden
Seiten der Mainzer. Aber auch in benachbarte Straßen weitet sich
der Fight aus. Die Polizei, mit etwa 1500 BeamtInnen zugegen, setzt Unmengen
von Tränengas, Blendschockgranaten und Wasserwerfern ein. Auf der
anderen Seite wird sie von rund 600 HausbesetzerInnen mit Steinen, Molotowcocktails
und Zwillen auf der Straße, aus Häusern und von Dächern
beschossen. Ein Straßenbahnwagen, der genau an der Einfahrt zur
Mainzer stehen bleibt, fängt Feuer und bildet eine weitere Barrikade.
BürgerrechtlerInnen wie Bärbel Bohley und sogar der nicht besonders
gut auf seine HausbesetzerInnen zu sprechende Bezirksbürgermeister
versuchen zu vermitteln, zu schlichten. Doch von Staatsseite aus gibt
es dazu keinerlei Bereitschaft. Die Schlacht dauert bis drei Uhr am nächsten
Morgen und endet mit dem vollständigen Rückzug der Polizei aus
dem gesamten Kiez. Und genauso kommt es. Die folgende Straßenschlacht ist der bisher
heftigste Polizeieinsatz gegen Autonome. Die Polizei setzt diverse Spezialkommandos
und Hubschrauber ein, Unmengen von CN- und CS-Gas, Blendschockgranaten
und gerüchteweise auch Gummigeschosse. Selbst von scharfen Schusswaffen
macht sie Gebrauch: Zwei Leute werden getroffen. Mindestens 4000 Polizisten
sind im Einsatz, auf der anderen Seite kämpfen in der Mainzer vielleicht
500 oder 600 Autonome. Ein Kampf mit dem Rücken zur Wand, denn es
ist klar: Vielen wird die Flucht aus dem Kessel nicht gelingen. Am Ende
werden rund 300 Menschen festgenommen. Vor allem das Tränengas, das
über den gesamten Bezirk liegt, führt schließlich zu allgemeiner
Kampfunfähigkeit. Erst jetzt beginnt die Polizei, in die Straße
vorzudringen. Es gibt jede Menge Verletzte und Schwerverletzte. Die Straße
sieht aus wie nach einem Erdbeben. Die Polizei geht mit äußerster
Brutalität gegen Leute vor, die sie in den Häusern antrifft.
Als die Häuser geräumt sind, werfen die Beamten Einrichtungsgegenstände,
Stereoanlagen, Bücher usw. durchs Fenster auf die Straße. Sie
bedienen sich an den Getränkevorräten und feiern ausgelassen
ihren Sieg. Die Räumung der Mainzer Straße war nicht nur Anlass für
den Bruch der damals regierenden SPD-Grünen-Koalition in Berlin,
sie läutet auch den Niedergang der Squatter-Bewegung Ostberlins ein.
Die Strukturen zerfallen in rasantem Tempo. In den meisten Häusern
wird nur noch um das eigene Projekt verhandelt. So kommt es letztlich
zu einer Vielzahl von Legalisierungsmodellen, aber auch zu weiteren Räumungen.
entnommen aus: "Autonome in Bewegung - aus den ersten 23 Jahren", Verlag Assoziation A, Berlin 2003 |
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