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THEMA: Hausbesetzungen - Mainzer Straße
ORT: Berlin
ZEIT: November 1990
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv/ 6531\
 

Räumung der Mainzer Straße in Berlin

"Berlin gelingt's" lautete 1990 der Wahlkampfslogan der SPD. Ob damit die Räumungspolitik des damaligen rotgrünen Senats gemeint war oder die Verteidigung der BesetzerInnen in der Mainzer Straße blieb zunächst unklar. Über mehrere Tage gab es für rund 4000 Polizisten angesichts meterhoher Barrikaden und Straßenkämpfen kein Durchkommen trotz Tränengas, Blendschockgranaten, Wasserwerfern und Räumpanzern. Am morgen des 14. November 1990 gelang es der SPD dann tatsächlich, die zwölf Häuser in der Mainzer Straße in Friedrichshain räumen zu lassen. Die rot-grüne Koalition war damit am Ende, der Häuserkampf dagegen noch lange nicht. (siehe Bericht weiter unten)


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Fotos: Umbruch-Bildarchiv
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(Foto: Umbruch Bildarchiv #1222f) Der legendäre Tisch der Kommune I, geklaut aus der taz, im Hinterhof der Mainzer Straße (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222g) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222h) Während des Straßenfestes am 8.9.90 in der Mainzer Straße. (Foto: Umbruch Bildarchiv #1220v) Straßenfest in der Mainzer Straße am 8.9. 1990 (Foto: Umbruch Bildarchiv #1220w) Straßenfest am 8.9.90. Foto: Umbruch Bildarchiv #1220x) Straßenfest am 8.9.90 mit Yok Quetschenpaua. Foto: Umbruch Bildarchiv #1220y) Kurz vor der Räumung. Stilleben in der Mainzer (Foto: Umbruch Bildarchiv #1220z) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221a) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221b) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221c) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221d) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221e) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221f) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221g) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221h) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221i) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221j Boxhagener Straße. Die eingeklemmte Straßenbahn im Hintergrund brennt später aus und dient als zusätzliche Barrikade. (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221k) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221l) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221m) Barrikaden vor der Räumung. Blick durch das befreite Gebiet der Mainzer Straße. (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221q) 13.11. Ein reges Treiben auch von AnwohnerInnen rund um die Barrikaden (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221r) Räumung der Mainzer Straße frühmorgens am 14.11.1990 (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221n) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221o) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221p) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221t) ein autonomer Sanitärer und mehrere Ärzte werden, teilweise in Handschellen, festgenommen (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221u) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221v) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221w) Foto: Umbruch Bildarchiv #1221x) Irritiert aber nicht nur abweisend beteiligen sich AnwohnerInnen während der Tage an allen Ecken rund um die Mainzer Straße an lebhaften Straßendiskussionen. Foto: Umbruch Bildarchiv #1221y) Anti-Räumungsdemo am 14.11.90 (Foto: Umbruch Bildarchiv #1221z) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222a) Rund 10000 Menschen beteiligen sich am Abend an einer spontanen Demonstration gegen die Räumung der Mainzer Strasse (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222b) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222c) (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222d) Besetzung des Roten Rathauses (Foto: Umbruch Bildarchiv #1222e)

Die Mainzer Straße

Zwölf Häuser. Das waren fast zwölf Szenen: In einigen Häusern lebten mehrheitlich Ossis, in anderen eher Wessis, es gab Häuser mit Punks, Polit-Freaks, weniger politischen Leuten, ein Frauenhaus, ein Tuntenhaus. Und in jedem Haus Aktivitäten: Kneipen, Volxküche, eine Buchhandlung mit DDR-Literatur, Infoladen und last but not least: den „Forellenhof“, eine Kneipe im Tuntenhaus, die in der kurzen Zeit ihrer Existenz mit einigen unvergesslichen Tunten-Shows und semi-professionellen Matinées glänzte. Die BürgerInnen auf der anderen, nicht besetzten Straßenseite sahen dem bunten Treiben mit gemischten Gefühlen zu. Einige organisierten sich in einer Bürgerinitiative gegen die Hausbesetzer, weil ihnen einerseits die ständige und nicht bestreitbare Lärmbelästigung auf die Nerven ging, sie sich aber andererseits auch durch bestimmte Transparente – und es waren vor allem die aus dem Schwulenhaus – gestört fühlten. Den ganzen Sommer über bestürmt diese Bürgerinitiative die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung mit Briefen, in denen sie die Räumung fordert. Doch diese Korrespondenz, die keinesfalls die mehrheitliche Stimmung im Kiez repräsentierte, dürfte kaum der Anlass zu dem gewesen sein, wozu es am 12. November 1990 dann schließlich kam.

Am frühen Morgen räumt die Polizei überraschend drei von sieben „neu“, also nach dem 24. Juli besetzten Häuser, in der Pfarr- und Cotheniusstraße. Es versammeln sich DemonstrantInnen und es kommt zu einzelnen Rangeleien und Festnahmen. Um 10.03 Uhr meldet Radio 100 die Räumung. Gegen 11.15 Uhr beschließen rund 50 Leute aus der Mainzer Straße eine Solidaritätskundgebung. Sie legen Baumaterialien vom Straßenrand auf die Frankfurter Allee, um den Verkehr zu stoppen. Im Polizeifunk wird von „mit Blumen verdeckten Nagelbrettern“ phantasiert. Ein paar Polizisten erscheinen, räumen die Straße frei und werden dabei von vereinzelten Steinwürfen attackiert. Daraufhin taucht innerhalb kürzester Zeit eine Kolonne aus Mannschaftswagen, Räumpanzern und Wasserwerfern auf und durchfährt die Mainzer Straße. Ein paar Mülltonnen werden auf die Straße geschoben. Räumpanzer schieben sie zur Seite, geparkte Autos gleich mit. Es fliegen Steine, die Polizei setzt Tränengas und die Wasserwerfer ein. Die DemonstrantInnen verziehen sich in die besetzten Häuser. Die Polizei beginnt, mit den Wasserwerfern in die Fenster der Häuser zu zielen. Dabei gehen Scheiben zu Bruch und auch unbeteiligte Wohnungen von normalen BürgerInnen sind betroffen.

Bereits um zwölf Uhr meldet Radio 100 Straßenkämpfe in der Mainzer. Daraufhin strömen viele zum Ort des Geschehens. Hier entwickelt sich nun eine Straßenschlacht mit Barrikaden an beiden Seiten der Mainzer. Aber auch in benachbarte Straßen weitet sich der Fight aus. Die Polizei, mit etwa 1500 BeamtInnen zugegen, setzt Unmengen von Tränengas, Blendschockgranaten und Wasserwerfern ein. Auf der anderen Seite wird sie von rund 600 HausbesetzerInnen mit Steinen, Molotowcocktails und Zwillen auf der Straße, aus Häusern und von Dächern beschossen. Ein Straßenbahnwagen, der genau an der Einfahrt zur Mainzer stehen bleibt, fängt Feuer und bildet eine weitere Barrikade. BürgerrechtlerInnen wie Bärbel Bohley und sogar der nicht besonders gut auf „seine“ HausbesetzerInnen zu sprechende Bezirksbürgermeister versuchen zu vermitteln, zu schlichten. Doch von Staatsseite aus gibt es dazu keinerlei Bereitschaft. Die Schlacht dauert bis drei Uhr am nächsten Morgen und endet mit dem vollständigen Rückzug der Polizei aus dem gesamten Kiez.
Der Dienstag, der 13. November, ist ein gespenstischer Tag. Die Ruhe vor dem Sturm. Immer wieder berichten Leute von Polizeikolonnen auf den Autobahnen, alle Richtung Berlin. In der Mainzer selbst hebt man zwei tiefe Gräben aus, wobei auch ein Bagger zum Einsatz kommt. Überall entstehen Barrikaden. In den Häusern sind die Leute damit beschäftigt, Mollis zu bauen. Pflastersteine werden in Eimern gesammelt. Auf der Straße diskutieren aufgeregt BürgerInnen, Autonome, Schaulustige. Und überall ergötzen sich Journalisten an den Bildern der Zerstörung: Ausgebrannte Autos, zerbrochene Schaufenster, umgestürzte Bauwagen, aufgerissenes Straßenpflaster, usw. Am Abend ist klar: Um sieben Uhr am nächsten Morgen werden die Bullen angreifen.

Und genauso kommt es. Die folgende Straßenschlacht ist der bisher heftigste Polizeieinsatz gegen Autonome. Die Polizei setzt diverse Spezialkommandos und Hubschrauber ein, Unmengen von CN- und CS-Gas, Blendschockgranaten und gerüchteweise auch Gummigeschosse. Selbst von scharfen Schusswaffen macht sie Gebrauch: Zwei Leute werden getroffen. Mindestens 4000 Polizisten sind im Einsatz, auf der anderen Seite kämpfen in der Mainzer vielleicht 500 oder 600 Autonome. Ein Kampf mit dem Rücken zur Wand, denn es ist klar: Vielen wird die Flucht aus dem Kessel nicht gelingen. Am Ende werden rund 300 Menschen festgenommen. Vor allem das Tränengas, das über den gesamten Bezirk liegt, führt schließlich zu allgemeiner Kampfunfähigkeit. Erst jetzt beginnt die Polizei, in die Straße vorzudringen. Es gibt jede Menge Verletzte und Schwerverletzte. Die Straße sieht aus wie nach einem Erdbeben. Die Polizei geht mit äußerster Brutalität gegen Leute vor, die sie in den Häusern antrifft. Als die Häuser geräumt sind, werfen die Beamten Einrichtungsgegenstände, Stereoanlagen, Bücher usw. durchs Fenster auf die Straße. Sie bedienen sich an den Getränkevorräten und feiern ausgelassen ihren Sieg.
Medien und Politiker zeichnen in den folgenden Tagen das Bild der „tötungsbereiten“ HausbesetzerInnen. Eine gnadenlose Hetze ist im Gange. Tödliche Elektrofallen habe es in Treppenhäusern gegeben und auf einem Dach habe man einen 20 Liter fassenden „Supermolli“ gefunden. Auf der anderen Seite gibt es gerade im Osten und von NachbarInnen im Kiez eine ungeheuere Solidarisierung mit den HausbesetzerInnen. Die Kleider- und Möbelspenden, die in den nächsten Wochen in den anderen besetzten Häusern eingehen, sind kaum mehr zu erfassen. Ein alter DDR-Feuerwehrmann bringt einen großen Armeesack mit Feuerwehrhelmen und einen voller Gasmasken vorbei: „Ich hab’s im Fernsehen gesehen! Wenn ihr die gehabt hättet, hättet ihr es schaffen können!“ Autonome werden von LehrerInnen eingeladen, um vor Schulklassen über die Räumung zu sprechen, die Medien laufen den anderen Häusern die Türen ein.
Für die Szene ist die Räumung ein tiefer Einschnitt. Bei einigen Leuten führt sie zu einer Radikalisierung, bei anderen zu Traumatisierung und Rückzug und bei vielen zu Verängstigung. Letztere führt z.B. dazu, dass in einem Haus in der Kreutziger Straße noch am 14. November, dem Tag der Räumung, Einzelmietverträge mit der WBF abgeschlossen werden. Am 14. November abends gibt es noch eine spontane Demo mit über 10.000 TeilnehmerInnen. Danach wirkt die Szene jedoch lange wie paralysiert. Anders als z.B. der 1. Mai ’87 wird die Schlacht um die Mainzer Straße nicht zu einem regelmäßigen Kampftag im schwarz-roten Kalender – zu tief sitzt bei vielen der Schrecken. Es ist für viele einzelne tatsächlich um Leben und Tod gegangen.

Post-Mainzer-Zeit

Die Räumung der Mainzer Straße war nicht nur Anlass für den Bruch der damals regierenden SPD-Grünen-Koalition in Berlin, sie läutet auch den Niedergang der Squatter-Bewegung Ostberlins ein. Die Strukturen zerfallen in rasantem Tempo. In den meisten Häusern wird nur noch um das eigene Projekt verhandelt. So kommt es letztlich zu einer Vielzahl von Legalisierungsmodellen, aber auch zu weiteren Räumungen.
Trotzdem löst sich natürlich nicht einfach alles so auf. Noch heute, 2003, leben in den ehemals besetzten Häusern viele hundert AktivistInnen, die dafür sorgen, dass gerade Friedrichshain noch immer, neben Kreuzberg, ein zweites Zentrum der Berliner Szene darstellt. Die früheren Kämpfe, aber auch die Infrastrukturmaßnahmen der Szene, haben den Kiez nachhaltig geprägt. Wenn Südfriedrichshain heute zu einem schicken Kneipenviertel geworden ist, mit all den bekannten Nachteilen, gilt es zu bedenken, dass der Stadtteil ein völlig langweiliger, grauer Wohnbezirk war, bevor damals Leben und Farbe in die Straßen gebracht wurden. Auch heute noch kommt es im Kiez hin und wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auch einige Kneipen, Info-Läden und einzelne Kleinbetriebe aus alten Tagen existieren noch. Straßen- und Stadtteilfeste, Kulturprojekte, der sonntägliche Flohmarkt, die jährlich stattfindende Silvio-Meier-Demo – viele der heute in im Kiez rund um die Mainzer lebendigen Strukturen gehen direkt auf die „besseren Tage“ der Bewegung zurück oder wären jedenfalls ohne diese nicht denkbar. Nazis trauen sich nach wie vor meistens nur inkognito durch Friedrichshain zu gehen, und Friedrichshain ist der Stadtteil im Osten Berlins, in dem sich AusländerInnen am sichersten auf der Straße bewegen können und es auch zunehmend tun.

entnommen aus: "Autonome in Bewegung - aus den ersten 23 Jahren", Verlag Assoziation A, Berlin 2003


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