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THEMA: Kunst und Kultur
ORT: Berlin
ZEIT: 11. November 2009
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv / 7001 \

Karneval der Galerien

oder: der Auszug der Kunst aus Altmitte

Am 11.11.2009, um 11:11 Uhr fand der erste Berliner Karneval der Galerien statt. Die Idee zu dieser Demonstration entstand vor dem Hintergrund der Gentrifizierung als "Auszug der Kunst aus Altmitte". Künstler helfen die Stadt farbig zu gestalten und können sich die teuer gewordenen Läden am Ende selber nicht mehr leisten. Deshalb führte die Strecke von der Brunnenstraße in Mitte über die Badstraße in den Wedding. Am Umzug beteiligten sich rund 200 Kunstschaffende aus diversen Berliner Galerien mit selbst gestalteten Karnevalswagen. Besonders lebhaft wurde es ab der Grenze von der Berliner Mitte in den Wedding, in der Badstraße begrüßten AnwohnerInnen den Umzug.... Und im Wedding ist es eh viel schöner als in Mitte... (aber nicht weitersagen)
 



Fotos: Matthias von Hoff/Umbruch Bildarchiv
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Interview mit Anett Lau, eine der OrganisatorInnen des Karnevals über Hintergründe, Betroffenheit und Selbstverständnis

Wann ist die Idee für den Karneval der Galerien in welchem Zusammenhang entstanden?
Die Idee entstand nach unserem kürzesten Festivals der Saison "HELTER SKELTER- ICH BREMSE AUCH FÜR KÜNSTLER" im Mai 2009. Henrik Jacob, Künstler und Mitbewohner unseres Hauses, sowie Mitinitiator unseres Vereins mit der Galerie KULTURPALAST WEDDING INTERNATIONAL brütete sie aus. Das Festival hatte sich weit bis über die Stadtbezirksgrenzen herumgesprochen, es kamen fast vierhundert Gäste. Der gute Geist unseres Hauskollektivs ist seitdem so beflügelt, dass die Idee von Henrik zu dieser Demonstration begeistert aufgenommen wurde und wir seit August an der Umsetzung arbeiten.

Wie viele Künstler habt ihr bisher zusammenbringen können?
Unser Künstleraufruf ging vorrangig an Galerien. Bis jetzt haben 19 fest zugesagt. Kurz vor Beginn entscheiden sich in der Regel noch viele für eine Teilnahme. Ich rechne mit 500 Teilnehmern/innen.

Welche Aktivitäten sind geplant
"Litekultur" wird "im Namen der Liebe" einen Einkaufswagen dekorieren, der Kulturpalast selbst bringt drei Fahrzeuge: Kopacs Postbus, Hausfreund Romanowskis Schlitten und eine Seifenkiste von Andreas Kotulla. Inna Artemova kommt selbst als laufendes Bild, der Bundesvorsitzende der Kulturpartei, Malte Brant, wird eine Rede halten und die Directorslounge zeigt zur Abschlussveranstaltung einen screen. Ganz besonders freuen wir uns über den Zusammenschluss mit den 50 in weiß gekleideten Aktivisten des Kulturhauses Peter Edel und Wallywoods. Deren Demonstration startet schon um 10.00Uhr in Weißensee und richtet sich gegen die geplante Schließung ihres Kulturhauses.

Gibt es für Euch eine aktuelle Betroffenheit ?
Das Haus, in dem wir hier als Gemeinschaft leben, wurde vor ca. einem Jahr an die Blackbird Immobilien GmbH verkauft.. Da ging gerade die Finanzkrise los und wir mutmaßten Kapitalanlage gegen Finanzverlust, seitens der Käufer. Wir haben gehört, das diese Gesellschaft Häuser kauft und wartet, bis deren Wert so weit gestiegen ist, dass sich ein Wiederverkauf lohnt.
Viele von uns wurden aus Stadtteilen wie Prenzlauer Berg und Frierichshain vertrieben. Wir lebten da schon lange vor der Wende bzw. sind dort aufgewachsen. Und daher kennen wir Symptome und Vorzeichen solcher Stadteilkapitalisierungen. Die Wohnungen des Hauses in der schon viel zitierten Ausgehmeile Kastanienallee in Mitte zum Beispiel, in der ich vor 5 Jahren wohnte, wurden in Eigentumswohnungen umgewandelt. So eine Art der Vertreibung habe ich jetzt schon drei mal erlebt.
Damals tauchten auf der Kastanienallee ständig Filmteams auf. Bereits mehrmals waren Filmteams auch bei uns in der Freienwalder Strasse, denn hier gibt es noch so eine urtümliche Berliner Atmosphäre. Das macht uns stutzig.

Wie entstand eure Mietergemeinschaft?
In 2004 Jahren standen hier viele Wohnungen leer. Ein paar Leute von uns haben das mitbekommen und dann den Freundeskreis zusammengetrommelt. Wir sind uns mit der Hausverwaltung schnell einig geworden, haben das Haus auf eigene Kosten instandgesetzt und zahlen dafür einen geringen Quadratmeter-Preis. Zwölf von insgesamt neunzehn Mietparteien zählen zu diesem Projekt. Wir sind Künstler, Musiker, Architekten und Fotografen. Daraus hat sich dann das Kunstprojekt "Kulturpalast Wedding International" herausgebildet. Im Erdgeschoss betreiben wir eine Galerie mit häufig wechselnden Ausstellungen. Wir haben uns dann der Kolonie Wedding angeschlossen, die einmal im Monat seit Jahren im ganzen Kiez Kunstveranstaltungen auf die Beine stellen. Drei Galerien von der Kolonie sind bei den Vorbereitungen mit dabei. Es tut gut hier im Kiez vernetzt zu sein.

Wie erlebst du die Ausgehmeile Kastanienallee heute im Rückblick?
Dort ist es nicht nur wegen der steigenden Mieten nicht mehr auszuhalten. Das neue Bildungsbürgertum spazierte damals sonntags im Schlafanzug zum Bäcker, weil das so unspießig ist. Es wimmelt nur so vor jung - dynamisch - erfolgreichen Töchtern und Söhnen, die dort ihre elternfinanzierten Projekte durchführen. Dieser Stadtbezirk ist völlig übersaniert. Man trifft keine alten Leute mehr auf der Strasse. Es ist nichts mehr von der ursprünglichen Geschichte zu spüren, wegen der es die Leute nach der Wende auf den Berg zog. Aus diesem Grund war ich 2005 froh, in ein altersdurchmischtes Stadtgebiet zu ziehen, hier in den Soldiner Kiez. Als Ex-Ossi bemerke ich dazu gern mit einem Augenzwinkern: ich wohne jetzt das erste mal im kapitalistischen Ausland. - Interview MvH -


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