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THEMA: Aktion zum Jahrestag des Massakers von Distomo
ORT: Berlin
ZEIT: Juni 2002
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv / 4731 \
 

Pergamonmuseum besetzt

Aktion zum Jahrestag des Massakers von Distomo

Anlässlich des morgigen Jahrestages des Massakers von Distomo, Griechenland, besetzten am 9. Juni 2002 DemonstrantInnen den berühmten Pergamonaltar in Berlin. Auf griechischen und deutschen Transparenten forderten sie die sofortige Entschädigung der Opfer deutscher Kriegsverbrechen.
Am 10. Juni 1944 überfielen Angehörige der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division das griechische Dorf Distomo und ermordeten 218 Bewohnerinnen und Bewohner jeglichen Alters.
Vor dem Pergamonmuseum fand eine Kundgebung mit musikalischer Untermalung statt, die von zahlreichen internationalen MuseumsbesucherInnen interessiert und mit Sympathie verfolgt wurde. Nur einzelne Angestellte des Museumssicherheitsdienstes versuchten die Transparente herunterzureissen. Während die Berliner Museumsinsel für mehr als eine Milliarde Euro restauriert wird, gibt es für die Entschädigung griechischer Überlebender keinen Cent.
Die DemonstrantInnen hinterliessen ein Transparent an einem Fahnenmast: "Kunst geniessen, Massaker vergessen - Distomo, 10. Juni 1944". Die erst nach einiger Zeit anrückende Polizei versuchte ihre Verspätung durch die übereifrige Personalienkontrolle von MuseumsbesucherInnen zu kompensieren.

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Im Pergamonmuseum verteiltes Flugblatt:

"Kunst geniessen - Massaker vergessen"

»Der deutsche Urlauber liebt Griechenland und die Stätten der Antike, verdrängt aber gern die jüngere Geschichte«
(Der Historiker Martin Seckendorf)

Morgen ist der 58. Jahrestag des Massakers in Distomo. Am 10. Juni 1944 überfielen Angehörige der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division das griechische Dorf Distomo und ermordeten 218 Bewohnerinnen und Bewohner jeglichen Alters.
Wir sind hier, um Öffentlichkeit für die Überlebenden und ihre legitimen Forderungen herzustellen.
Das Pergamonmuseum ist dafür bestens geeignet. Es wurde 1875 von Kaiser Wilhelm I. nach der deutschen Reichsgründung und vor dem Hintergrund geplanter Weltmachtpolitik in Auftrag gegeben, da – so der offizielle Katalog dieses Museums – Deutschland »eine neue kulturelle Legitimation auf allen Gebieten [brauche]. Wissenschaft und Museen waren aufgefordert, diesen Anspruch einzulösen. In einem Schreiben an den König hat der damalige preußische Kultusminister klar formuliert: ›Von besonderer Bedeutung ist es, dass die Sammlung der Museen, welche bisher sehr arm an griechischen Originalwerken waren [...] nunmehr in den Besitz eines Werkes griechischer Kunst von einer Ausdehnung gelangen, welcher etwa nur die großen Reiche der attischen und der kleinasiatischen Skulpturen des britischen Museums gleich oder nahe kommen.‹« Dementsprechend wurden korrupten Potentaten für ein paar Mark antike Kunstschätze abgehandelt, die dann in das Deutsche Reich verschifft wurden. »Mit Volldampf voraus« wollte Kaiser Wilhelm II. Deutschland als Weltmacht etablieren, »Drang nach Größe« war das Motto. Wohl nicht zufällig eröffnete Wilhelm II. das erste Pergamonmuseum 1901 an genau dem Tag, an dem er auch Fertigstellung der Berliner »Siegesallee« mit all ihren militaristischen Denkmälern feierte.
Für dieses Verhältnis von »Kunstsinn« und Krieg steht auch der bemerkenswerte Umstand, dass Hitler direkt nach der militärischen Besetzung Griechenlands 1941 persönlich weitere deutsche archäologische Ausgrabungen der klassischen Stätten von Olympia anordnete und zum Teil selbst – aus den Tantiemen von »Mein Kampf« – bezahlte. Oberaufseher der Grabungen wurde ein eigens abkommandierter Sturmbannführer der SS, die zur selben Zeit Kriegsverbrechen an Griechen und Griechinnen verübte. Dieses Interesse an hellenischen Kunstwerken ging einher mit der Ausbeutung der Bodenschätze Griechenlands für die Nazi-Kriegswirtschaft, mit der Verachtung, Erniedrigung und Geiselnahme der griechischen Zivilbevölkerung und der Liquidierung griechischer KommunistInnen und WiderstandskämpferInnen.
Während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1945 wurden 460 griechische Ortschaften völlig zerstört und etwa 60.000 Zivilpersonen, Frauen, Männer und Kinder umgebracht. 65.000 griechische Juden und Jüdinnen wurden mit Hilfe der Wehrmacht deportiert und in Auschwitz ermordet. Insgesamt starben etwa 800.000 Menschen in Griechenland, 600.000 von ihnen verhungerten, da ihre Lebensmittel von den Besatzungstruppen verbraucht, abtransportiert oder vernichtet wurden. Am 10. Juni ist auch der Jahrestag der hierzulande bekannteren Massaker von Oradour und Lidice. 1944 wurde der französische Ort Oradour von der Waffen-SS-Division »Das Reich« überfallen und 650 Menschen umgebracht. Am 10. Juni 1942 wurde das tschechische Dorf Lidice von SS und Wehrmacht zerstört, alle männlichen Einwohner erschossen und die Frauen in Konzentrationslager deportiert.
Distomo ist nur eines von über 60 größeren und fast unbekannten Massakern, das deutsche Truppen während des Zweiten Weltkrieges in Griechenland verübten. Nur drei seien hier beispielhaft erwähnt: Soldaten der 1. Gebirgsjägerdivision »Edelweiß« vernichteten am 16. August 1943 das griechische Dorf Kommeno und ermordeten 317 Einwohner, selbst in Aussagen beteiligter deutscher Soldaten ist von unglaublichen Grausamkeiten die Rede. Im Dezember 1943 zerstörte die 117. Jägerdivision die Kleinstadt Kalavryta und 24 Dörfer in der Umgebung, mehr als 1.300 Männer wurden erschossen. Auch auf Kreta gab der deutsche Kommandeur im Mai 1941 den Befehl, »mit äußerster Härte vorzugehen. [...] 1. Erschießungen. 2. Kontributionen [Zwangsabgaben], 3. Niederbrennen von Ortschaften (vorher Sicherstellung aller Barmittel), 4. Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete.« Und so ermordete im September 1943 eine Einheit der 22. Infanteriedivision fast 500 Einwohner der kretischen Ortschaft Vianos.
Keiner der Mörder von Distomo oder einem anderen Massaker in Griechenland wurde je von einem deutschen Gericht verurteilt, alle Verfahren wurden eingestellt und in nicht einem Fall hat die Bundesrepublik Deutschland eine Entschädigung gezahlt oder irgendwelche Ansprüche anerkannt. Die zynische Begründung: die Massaker seien keine Verbrechen sondern kriegsübliche Maßnahmen im Rahmen der Partisanenbekämpfung gewesen. Außerdem sei Griechenland 1961 mit 116 Millionen DM entschädigt worden. Tatsächlich wurden bei dieser Zahlung die Opfer von Kriegsverbrechen überhaupt nicht berücksichtigt und gezahlt wurde von der BRD auch nur, weil der ehemalige »Kriegsverwaltungsrat« von Thessaloniki, Max Merten, verantwortlich für die Deportation und Ermordung der Juden Thessalonikis, 1959 in Griechenland verhaftet und verurteilt wurde und die BRD Angst hatte, dass der NATO-Staat Griechenland womöglich durch ein Entschädigungsabkommen mit der DDR diesen zweiten deutschen Staat offiziell anerkennen würde. Nach der Vereinbarung einer Zahlung überstellte Griechenland Merten noch 1959 in die BRD, dort sollte ihm der Prozess gemacht werden, was aber nie geschah. Die jüdische Gemeinde Thessalonikis klagt heute gegen die Bundesrepublik auf Rückzahlung der Vermögenswerte, die Merten den wenig später ermordeten Juden und Jüdinnen 1943 abgepresst hat.
In Griechenland sind ungefähr 10.000 Verfahren für Entschädigungen anhängig. Im Mai 2000 wurden in einem Verfahren den Klägerinnen und Klägern aus Distomo vom höchsten griechischen Gericht 55 Millionen DM Schadensersatz zugesprochen. Beinahe wäre es zu einer Zwangsversteigerung von BRD-Einrichtungen wie dem Goethe-Institut oder dem deutschen Archäologischen Institut in Athen gekommen. Die deutsche Regierung erkennt das Urteil jedoch nicht an und weigert sich hartnäckig zu zahlen oder auch nur eine Schuld anzuerkennen. Selbst eine Zwangsanleihe in Höhe von 7,5 Milliarden Reichsmark, zu der die damalige Regierung Griechenlands gezwungen wurde, soll nicht zurückgezahlt werden, von Reparationen für die Zerstörungen und geraubten Bodenschätze ganz zu schweigen. 50 Jahre lang wurde den Opfern gesagt, es sei zu früh für Entschädigungen, da es noch keinen Friedensvertrag gebe. Heute, nach dem als Friedensvertrag anerkannten »Vier plus zwei-Vertrag«, wird ihnen gesagt, es sei nach über 50 Jahren doch wohl zu spät.
Diese Haltung, einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte ziehen zu wollen, zynisch auf Zeit zu spielen, keine Mark oder Euro ohne entsprechenden Druck herauszurücken, entspricht dem Umgang mit der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. War es schwer genug, überhaupt Zahlungen an die wenigen heute noch lebenden durchzusetzen, so gehen dennoch viele Opfer des Nationalsozialismus ganz leer aus, und selbst von denen, die bereits als leistungsberechtigt anerkannt sind, hat die Hälfte noch nicht einmal die erste Entschädigungsrate ausgezahlt bekommen. Wann und ob die zweite Rate gezahlt wird, ist heute völlig unklar.

In den letzten Jahren hat sich eine neue »Berliner Republik« in Richtung Großmacht aufgemacht. Militäreinsätze in aller Welt korrespondieren mit der aufwändigen Renovierung der Museumsinsel. Während die Restaurierung zur mehr als eine Milliarde (!) Euro kostenden nationalen Aufgabe erklärt wird, gibt es für die Entschädigung griechischer Überlebender keinen Cent. Die Zurschaustellung von de facto vor hundert Jahren geklauten Kunstwerken nahe des Regierungsviertels soll einen kulturellen Glorienschein erzeugen, der die Schäbigkeit des Verhaltens der BRD-Regierungen gegenüber den Opfern deutscher Verbrechen überstrahlt. Heute steht die Gebirgsjägerdivision »Edelweiß« wieder im weltweiten Einsatz und ehrt alljährlich unter Beteiligung deutscher Politiker ihre Toten. Gemeint sind die »gefallenen Kameraden«, nicht etwa die Opfer dieser Einheit, die bei Massakern in Griechenland und »Sühnemaßnahmen« in Jugoslawien Tausende umgebracht hat.
Täter werden geehrt, Opfer vergessen. Wir sind hier, damit das nicht gelingt.

Die Forderungen der Opfer nach Entschädigungszahlungen endlich erfüllen!

Erinnern statt Vergessen – gegen die Schlussstrichpolitik!

Initiative gegen das Vergessen.


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