Der Aufstand der Anständigen
Nach einem faschistischen
Anschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge ruft Bundeskanzler Gerhard
Schröder auf zu einem "Aufstand der Anständigen". Am
9. November 2000 bewegen sich rund 200.000 Menschen, angeführt von
Deutschlands Spitzenpolitikern, in einer dichten Schlange von der Neuen
Synagoge zum Brandenburger Tor. Das von hochrangigen Politikern inszenierte
Spektakel empfinden viele als Heuchelei.
Christopher Nsoh, Asylbewerber aus Rathenow, erklärt warum: "Am
besten werden sich nach dieser Demonstration die deutschen Politiker fühlen;
für sie wird es ein großer Tag gewesen sein, an dem sie ihr Image
mal wieder so richtig aufpolieren konnten. Für meine Freunde und mich
wird sich mit dieser Demonstration nichts ändern. Mein Platz wird morgen
derselbe sein wie seit drei Jahren: sechs Quadratmeter in einem Viermannzimmer
im Asylbewerberheim in Rathenow. Ich werde auch in Zukunft den Landkreis
nicht verlassen und nicht arbeiten dürfen und leben wie im Knast. Aber
ich bin kein verurteilter Straftäter. Trotzdem bin ich froh über
die Demonstration, weil sie auf die Interessen der Minderheiten in Deutschland
aufmerksam macht, in Berlin, mitten in der Stadt.
Anfang des Jahres
hatten wir wegen der vielen Überfälle auf die Asylbewerber aus
unserem Heim in einem öffentlichen Brief an die Politiker gebeten,
in ein anderes Bundesland geschickt zu werden. Da sprach man mit uns, wir
wurden eingeladen, die Stadtverordneten hörten uns zu. Heute werden
wir in der Stadt wieder angepöbelt und angegriffen. Vorige Woche haben
uns Leute in Rathenow bespuckt. Manche sagen "Scheiße", wenn sie uns
nur sehen. Wir sind Menschen zweiter Klasse. Ich musste einen "Urlaubsschein"
beantragen, um in Berlin an der Kundgebung teilzunehmen. Nur wenige Freunde
wollten mitkommen.
Ich bin der Meinung, die Politiker könnten mehr tun als nur zu demonstrieren:
Sie könnten Gesetze ändern, zum Beispiel das Asylbewerberleistungsgesetz.
Wenn wir vor dem Gesetz nicht mehr Menschen zweiter Klasse wären, könnte
sich auch in den Köpfen der Deutschen etwas verändern. Sie könnten
uns leichter als ihresgleichen sehen.
(aus Berliner Zeitung vom 10.11.2000
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