Karawanetour
2002
Ein Bericht über
die ersten Tage von Henner Knorr!
Die
2. bundesweite Karawanetour der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge
und MigrantInnen ist am 17. 8. mit einer Demonstration in Bremen gestartet.
Anlässlich der im September stattfindenden Bundestagswahl, angelehnt
an das Motto "Wir haben keine Wahl aber eine Stimme" fährt die Karawane
durch 25 Städte. Auf Veranstaltungen, Demos etc. werden Themen wie
"Freedom of Movement" -Bewegungsfreiheit-, die Konsequenzen des neuen
Einwanderungsrechts sowie staatlicher und gesellschaftlicher Rassismus
behandelt und die bundesdeutsche Öffentlichkeit damit konfrontiert.
Diesjähriges Motto der Tour: "Asylrecht ist Menschenrecht, Wir
sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört. "
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Fotos:
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Ein Bericht von Henner Knorr über die ersten Tage der Karawanetour
Samstag 17.8. Bremen: Eine begeisternde gewaltige Demonstration (siehe Photos)
bewegte sich in drückender Hitze vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt
zum Kulturzentrum "Schlachthof". Da wir keinen CD-Abspielgerät organisiert
hatten wurde offensichtlich, dass die Karawane noch auf der Suche nach angemessenen
Slogan war, die zu rufen wären. Einige kamen ganz leicht, wie z.B.
"Hoch die internationale Solidarität" und "Stop Schily's racist law".
Andere waren erfrischend: Zum Beispiel der "Abschaffen" Slogan (Einer ruft:)
"Residenzpflicht?" (alle antworten:) "Abschaffen!", (einer:) "Polizeigewalt?"
(alle:)"Abschaffen" usw. In Schlachthof entspannten sich alle unter schattigen
Bäumen, es gab etwas zu essen und danach ging es in das Dunkel der
"Kesselhalle", um das Kulturprogramm mitzuerleben. Eine iranische, eine
türkische und eine kulturell gemischte Gruppe sowie ein Solo-Künstler
aus Hamburg präsentierten ihre Musik auf hohem Niveau. Auch Sprecher
verschiedener Nationen führten in die Flüchtlingsproblematik ein.
Z.B. Herr Gilani (Iran, SPI) konnte von einem Genossen erzählen, der,wie
er ein politischer Gefangener im Iran gewesen ist, aber in Deutschland 12
Jahre nur in Flüchtlingsunterkünften verbracht hat. Diese Person
ist jetzt wieder akut von Abschiebung bedroht. Besonders bewegend waren
die Reden von zwei Flüchtlingen aus dem Lager in Bramsche. Dort steht
den Behörden frei, Flüchtlingen die Sozialhilfe von 39 Euro pro
Kopf und Monat aus nichtigen Gründen (z.B. Abwesenheit beim Essen)
nicht auszuzahlen. Ein aktuelles Beispiel ist der Fall einer neunköpfigen
Familie, bei der die Mutter schwanger ist, und an alle Mitglieder KEINE
Sozialhilfe gezahlt wird. Ein Flüchtling sagte "Ich muss noch eins
hinzufügen: Wir sind nicht Flüchtlinge, wir sind Gefangene! Wir
sind Gefangene in diesem Lager!"
Sonntag 18.8. Bramsche: Als die Karawane ankam, fand jede Menge UnterstützerInnen
aus der Region aber ein Lager vor, wo fast niemand zu sehen war. Drei Polizeiwagen.
Das Lager ist eine ausgedehnte Flache, die eng mit zweigeschossigen Billigbauwerken
bebaut wurde und umzäunt ist. Links vom Eingangsportal gibt es eine
Lagereigene Polizeiwache, die gut mit Polizeihunden bestückt ist. Am
Ende des Lagers rechts vom Eingang gibt es einen kleinen Spielplatz für
Flüchtlings-Kinder, wenige Meter weiter einen neu errichteten Doppelzaun
und weitere 15 Meter weiter einen ebenfalls umzäunten Spielplatz für
die Kinder des Dorfes. Dieser Maschendrahtzaun enthält allerdings einen
tiefen Schnitt, als ob sich die Kinder nicht einsperren lassen wollten.
Die Taktik der Lagerleitung war, das Lager genau an dem Tag (18.08), an
dem die Karawane kam für Besucher zu schließen. Offiziell stand
es den Flüchtlingen frei, das Lager zu verlassen, als wir allerdings
unsere Demonstration starteten, stellten sich zivile Lagerbedienstete in
eine Reihe vor den Eingang, so dass die Flüchtlinge sie ähnlich
eines Spießrutenlaufes hätten passieren müssen, um aus dem
Lager zu kommen. Die Karawane konnte durch das Spielen von Live-Musik (Trompete
und afrikanische Trommeln) Leute aus dem Lager erreichen, von denen einige
wenige sich immerhin trauten, am Eingangstor mit den Karawane-Flüchtlingen
zu reden. Einige Flüchtlinge, die das Lager schon verlassen hatten
bevor die Demonstration kam, waren bereit, ein Interview zu geben, wollten
aber ihr Gesicht nicht fotografieren lassen. Die Busse fuhren daraufhin
in das Zentrum von Bramsche, wobei die Karawane-Leute eine kraftvolle Spontan-Demonstration
durch die leere Innenstadt veranstalteten. Sie kamen zu einem Platz wo es
etwas zu essen gab. Ärgerlicherweise versagte das Sound-System, so
dass es unmöglich war, alle Reden zu halten. Danach trennten sich die
Busse auf dem Weg nach Bremen, Oldenburg und Osnabrück. Die Kern-Gruppe
setzte ihren Weg nach Oldenburg fort, wo am Abend eine Kultur-Veranstaltung
stattfand.
Montag 20.8. Oldenburg: Morgens demonstrierte die Karawane in Westerstede.
Zwar waren an der Demonstration nur etwa 50 Menschen beteiligt, sie war
aber dennoch beeindruckend, weil die Kleinstadt Westerstede an Demonstrationen
überhaupt nicht gewohnt ist. Dies konnte man an der Reaktion der Passanten
erkennen. Die Demonstration fand vor der Ausländerbehörde statt,
die die "Residenzpflichtverstöße" des Aktivisten Richard vor
Gericht gebracht hat. Zuerst versuchten die Karawane-Leute , hineinzugehen,
wurden aber durch Polizei daran gehindert. Der Leiter des Büros kam
heraus, und nahm die vorbereitete Petition entgegen. Er war nicht fähig
oder willig , diese zu kommentieren . Nachmittags ging die Karawane in das
Stadtzentrum , wo eine Theategruppe die Strasse sperrte und die Papiere
von Passanten kontrollierte, um Residenzpflicht-Verletzungen aufzudecken.
Die Leute reagierten auf diese ‚grundlose' Kontrolle geschockt. Daraufhin
besuchte die Karawane das Parlament. Es war der erste Tag nach Sommerpause.
Einem Aktivisten wurde gestattet, zwei Fragen zu stellen. Zum ersten Mal
in der Geschichte dieses Parlamentes, durften Fragen auf englisch gestellt
werden. Eine Frage war zum Thema Residenzpflicht, die andere über das
Gutschein-System. Danach erlaubte das Parlament zwei weitere Fragen. Eine
betraf die Tatsache , dass es Geschäfte gibt, die auf die Gutscheine
der Flüchtlinge kein Wechselgeld geben. So müssen die Flüchtlinge
immer den ganzen Wert des Gutscheins einlösen, selbst wenn sie nur
eine Kleinigkeit kaufen wollen, da das Geschäft kein Wechselgeld an
Flüchtlinge gibt. Drei Mitglieder der Karawane gaben ein Interview
im örtlichen Offenen Kanal - Fernsehsender.
Dienstag 21.8. Hannover Morgens gab es eine beeindruckende Demonstration
vor dem Abschiebegefängnis in Hannover - Langenhagen. Das Abschiebegefängnis
liegt am Ende der Startbahn des Flughafen. Die Gegend ist unbewohnt. Wohin
man blickt sieht man nur große Felder. Die Demonstration bestand aus
70-100 Demonstranten verschiedener Kulturen und war schon deshalb außergewöhnlich
kraftvoll. Sie wurde durch eine große Anzahl von Polizisten umzingelt,
einige auf Pferden, einigen auf Fahrrädern, vielen in Bussen. Im Vorfeld
der Demonstration sind die Gefangenen offensichtlich von der Gebäudeseite
entfernt worden, die an den Platz der Demonstration grenzt. Dennoch war
es möglich mit den Insassen akustisch Kontakt aufzunehmen. Die Leute
in Gefängnis reagierten auf jeden der Aufrufe der Karawane, die in
vielen Sprachen (türkisch, arabisch , russisch...) gerufen wurden.
Es gab weniger Reaktion auf den russischen Aufruf, aber massenhaft Antwort
auf die türkischen Ansagen.
Es war möglich ein Interview mit 3 Polizeibeamten über die Situation
im Gefängnis zu führen.
Abends gab es eine Diskussion zu den Themen Rassismus und Sexismus, die
in zwei Gruppen aufgeteilt wurde. Eine behandelte die Fragen:
1) Haben deutsche antirassistische Gruppen andere Meinungen/Ansichten über
Flüchtlinge, als die deutschen Behörden
2) Nein heißt Nein! Die andere Gruppe sprach über
3) Was getan werden sollte und was nicht!
4) Wir sind hier weil Ihr unsere Länder zerstört Die Diskussionen
verliefen glatt und engagiert, danach trafen sich beide Gruppen, um Ergebnisse
auszutauschen. |