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THEMA: Antifaschismus
ORT: Neubrandenburg
ZEIT: 14. Juli 2001
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv / 4141 \
 


NPD-Aufmarsch in Neubrandenburg

1000 Menschen beteiligten sich an Protestaktionen

Die Nazis sind marschiert. Trotz großer Gegenmobilisierung eines breiten Bündnisses aus Gewerkschaften, Kirchen, politischen Jugendgruppen und Parteien. Trotz (wiederaufgehobenem) Verbot. Trotz mehrfacher Versuche, ihnen die Straße nicht zu überlassen und ihnen den Weg durch Neubrandenburg zu versperren.
Für den 14. Juli hatten Vertreter sogenannter Freier Kameradschaften aus der Umgebung Neubrandenburgs eine Demonstration durch die Stadt angemeldet. Eine zusätzliche Kungebung sollte ausgerechnet auf einem Parkplatz vor dem Neubrandenburger AJZ stattfinden. Ein Novum. Der letzte Nazi-Aufmarsch fand hier kurz nach der Wende statt. Neubrandenburg genießt seit vielen Jahren den Ruf einer Stadt mit einer überaus bunten Jugend- und Kulturlandschaft, in der die Farbe braun so gut wie überhaupt nicht vorkommt. In Zeiten, in denen andere Städte zu Wahlkampfzeiten in Nazi-Plakaten förmlich zu ersticken drohten, mußte mensch in NB schon suchen und dabei Glück (oder eher Pech) haben, um ein solches Exemplar mal zu Gesicht zu bekommen. Daß in NB eher Blumentöpfe fliegen, als daß Rassisten sie gewinnen könnten, hatte sich auch bis zur NPD herumgesprochen, und die Nazis machten auf ihren Demotingeltouren durch so ziemlich alle Städte in M/V für gewöhnlich einen Bogen um die Vier Tore-Stadt. Ein heißes Pflaster also und so manche Kameraden, die sich sonst nicht scheuen ins viel weiter entfernte Schwerin oder Ludwigslust zu reisen wenn dort die Möglichkeit für große Reden besteht, suchte mensch vergeblich unter den 150 Teilnehmern der Nazidemo. So war weder was von Axel Möller und seinem Knecht Rupprecht noch von seinen Greifswalder Paladinen um Spiegelmacher etwas zu sehen. Mit diesem Hintergrund gab es nicht wenige, die eine reele Chance sahen, die Nazidemo eventuell verhindern zu können. An Entschlossenheit mangelte es den NeubrandenburgerInnen eigentlich nicht. Eine Gegendemonstration, die die gleiche Route wie die Nazis etwas früher nehmen sollte, stoppte nach einigen Metern und kam zum Stehen. OrdnerInnen versuchten zwar noch die Leute zum Weitergehen zu bewegen, aber niemand war bereit, den Nazis die Straße wieder zu überlassen. Und niemand rechnete damit, daß die Polizei wirklich alle ihr möglichen polizeilichen Maßnahmen ergreifen würde. Aber sie tat es trotzdem. Ein Räumpanzer und zwei Wasserwerfer fuhren vor, und als die Blockade nach Aufforderung den Platz zu verlassen sich nur sehr langsam und widerwillig weiterbewegte kam das Kommando "Wasser Marsch" und die beiden Wasserwerfer spülten den Nazis die Strasse frei. Dabei wurden einige Menschen verletzt, die vom harten Wasserstrahl am Kopf getroffen wurden oder denen das Wasser die Beine wegriß. Immer wieder drängten Einsatzkräfte zu Fuß mit gezogenem Knüppel die Menschen von der Straße. Die Polizei schien die Situation nicht unter Kontrolle zu bekommen und drängte die Demo in die John-Schehr-Str. ab, wo sie vorzeitig beendet wurde. Die Nazis warteten derweil auf ihrem Sammelplatz die Räumung ihrer Strecke durch die Polizei ab und beglückten ihre Umwelt mit Lautsprecherdurchsagen wie: "Wir sind wieder mal im Recht, weil wer für sein Volk streitet ist immer im Recht." Mit gut drei Stunden Verspätung setzte sich der Zug begleitet von massiven Poizeikräften und zwischenzeitlich bis zu 1000 Gegendemonstranten unter lautstarkem Protest in Bewegung. Dabei kam es auch immer wieder zu interessanten Wortgefechten von einer Seite der Polizeikette zur anderen. "Vor 60 Jahren hätte ich mich mit sowas wie Dir jedenfalls nicht rumzuärgern brauchen" rief ein Nazi seinem Gegner auf der anderen Seite zu. Auch die gespielte Musik war recht aufschlußreich. "Mit starker Hand ... gegen Lumpenpack" hieß es da, hilft nur der "Knüppel aus dem Sack" und man sollte doch das "ganze Pack zum Teufel treiben". Überhaupt ist die Terminologie und Sprache nicht uninteressant. Es spricht nicht ein Kamerad aus Berlin, sondern es spricht ein Kamerad aus der Reichshauptstadt. Es heißt auch nicht "Hallo" oder "Guten Tag" sondern "Heil Euch Kameraden". Eine zwischenzeitliche Sitzblockade in der Külz-Str. konnte zwar den Zug stoppen, wurde aber nach 4 Minuten (obwohl über Lautsprecher eine Frist von 10 Minuten eingeräumt wurde) abgedrängt. Die Nazis erreichten arg bedrängt ihren Kundgebungsort und Christian Worch (Hamburg) und Lutz Gießen (Germania Berlin) hielten je eine Rede, von denen aber Dank des Polizeihubschraubers so gut wie nichts zu hören war.
Auch wenn es die Nazis geschafft haben, ihre Demonstration durchzuführen, so war es für sie sicher alles andere als ein netter Sonntagsspaziergang, zu dem Nazidemos in anderen Städten in M/V oft werden. Neubrandenburg wird auch weiterhin seinen Ruf als Stadt, in die die Nazis nicht so ohne weiteres einen Fuß gesetzt bekommen, behalten.

Sven Römer (siehe auch likedeeler-online


 


Fotos: Sven Römer
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